Ehem. Verwaltungsgebäudes der Landesbauernschaft Sachsen
Bürohäuser für die Organisation des Dritten Reiches

 

Architekt: _Otto Kohtz
Reliefs: _ ._Herbert Volwahsen
Bauzeit:
._ 1936- 38
Adresse:
_ Ammonstraße 8
heutiger Nutzer: Deutsche Bahn

Der kammartige, lang gestreckte 5-stöckige Verwaltungsbau, hervorgegangen aus einem Wettbewerb, war ein Gebäude für die sächsische "Landesbauernschaft" in repräsentativ-sachlicher Formensprache. Von der Ammonstraße präsentiert sich das Haus mit einer an den Seiten herausragenden Sockelzone aus Werkstein und einem sich darüber drei Stockwerke erhebenden Hauptbau, der durch einen überdachenden Sims seinen Abschluss findet. Nach hinten öffnen sich kammartige Flügel.
Für das Bauen im Dritten Reich eher untypisch: ein äußerst flach geneigtes Dach, das man von der Fußgänger-perspektive als Flachdach wahrnimmt. Es bestand ursprünglich aus verzinktem Eisenblech.
Lange monotone Fensterreihen als sachliche Lochfassade sind typisch für eine in der NS-Zeit fortlaufende Moderne, wie man sie in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts verstand. Dabei ist ebenso ungewöhnlich, dass die Fenster keine Unterteilung in Sprossen erhielten. Einziger Gliederungspunkt bildet das hervorgerückte Entree als machtvoll-kantiger Vorbau. Durch sieben (magische Zahl) offene, streng rechtwinklige Tore gelangt man in die Vorhalle, die das Gebäude durch ein großzügiges Treppenhaus weiter erschließt.
Auffällig ist der Verzicht auf die ansonsten in der NS-Architektur gern verwendete Betonung der Vertikalen. Ganz im Gegenteil ist dieses Bürohaus ganz in die horizontale Breite gelagert. In der Architekturzeitschrift DBZ wurde damals die zweckmäßige u. klare Grundrissform positiv hervorgehoben, ebenso der monumenale Ausdruck.

Aufgrund Eisenmangels konnte das Gebäude bereits vor Ausbruch des II. Weltkrieges nur in Pfeilermauerwerk errichtet werden. Lediglich der Mittelteil mit rückwärtigem Flügel wurde als Stahlskelett ausgeführt.

Pläne, Detailskizzen, Zeichnungen, Grundrisse
des Gebäudes auf der Webseite der TU Plansammlung
(siehe Verwaltungsgebäude der Sächs. Bauernschaft)


Perspektivische Ansicht - 1938 (Bildquelle: TU Berlin)


Grundriss 4. Etage - 1938 (Bildquelle: TU Berlin)



Nahrung für das "Herrenvolk"

Ein besonderes Kennzeichen, welches den Bau als Verwaltungsgebäude der Sächsischen Bauernschaft ausweist, waren die an den Ecken des Vorbaus angebrachten Relieftafeln "Pflanzen und Säen" und "Ernten" von Herbert Volwahsen, beide kurz nach dem Zusammenbruch des NS-Reiches 1945 von den neuen Machthabern entfernt.
Ebenso der Reichsadler genau in der Mitte über dem 4. Tor mit der Runenschrift "Blut und Boden" - an deren Stelle man, der neuen Funktion des Hauses als Verwaltungsbau der "Deutschen Reichsbahn" gemäß, eine neue Sandsteinplastik anbringen ließ, die ein geflügeltes Eisenbahnrad darstellt.
Das vor 1945 angebrachte bildkünstlerische Werk unterstreicht auf suggestive Art und Weise die metapherngeschwängerte Propaganda von "Scholle" und "Heimaterde", welche bewusst als Gegenreflex zu Moderne und Internationalisierung eingesetzt wurde. Der ehemalige Meisterschüler von Karl Albiker an der Dresdner Akademie Herbert Volwahsen schien kein Problem zu haben, die ideologiegesättigte rassische Politik des NS-Staates künstlerisch in Stein zu meißeln.
(Zu Biografie und Werk von Herbert Volwahsen siehe unten)

Weitere NS-Kunstwerke fertigten der Dresdner Maler Sizzo Stief (Sgraffito am Mittelflügel des Portales zur Feldgasse - jetzt nicht mehr vorhanden) und der Dresdner Professor Rössler, der das ehemalige Hallengemälde schuf (jetzt ebenfalls nicht mehr vorhanden).

Zur Entstehungszeit 1938 strahlte dieser kompakte neue Bürobau in der kleinteiligen Wilsdruffer Vorstadt Dominanz und Härte aus. Heute geht er am Beginn des Wiener Platz-Tunnels nahezu in der Wahrnehmung der Dresdner Öffentlichkeit unter. Nur in wenigen Architekturführern taucht dieses Gebäude auf - bewusste Verdrängung einer unbequemen Vergangenheit?

Zur DDR-Zeit wurde jene selbstreflektierende Öffentlichkeit durch einen staatlich verordneten Antifaschismus an einer persönlichen Aufarbeitung der eigenen Verstrickung mit dem NS-System gehindert. Heute ist die Beschäftigung mit Kunst und Wirklichkeit des NS-Terrorsystems in Ostdeutschland nicht mehr tabuisiert. Angesichts eines beunruhigend aufflammenden Rechtsradikalismus im Freistaat Sachsen ist eine aktive Auseinandersetzung mit der Entstehungs-geschichte des deutschen Faschismus, ausgelöst gerade vielleicht durch diese sichtbaren Relikte aus der dunkelsten Zeit unseres Landes, von immens hoher Bedeutung.


Die Moderne im nationalsozialistischen Deutschland

Die Moderne brach in Dresden der NS-Zeit nicht abrupt ab. Stadtbaurat Wolf lenkte die städtebaulichen Entwicklungen von 1923 - 1945 ! Seine in vielen Gebäuden nachweisbare Überzeugung für die Ideen des "Neuen Bauens" versuchte er auch im Dritten Reich aufrecht zu erhalten.
Zwar wurden vom Bauministerium in Berlin bei Wohnhäusern "Deutsche Giebel" vorgeschrieben, aber in öffentlichen Bauten spielten moderne Gestaltungsmittel weiterhin eine Rolle. Allerdings wurde besonderen Wert auf eine klassische symmetrische Ordnung gelegt.


Reichsnährstand

Der Reichsnährstand, gegründet am 13.9.1933, war eine Organisation, die alle Betriebe, Personen und Verbände der Ernährungswirtschaft zwangsweise zusammenfasste. Sie unterstand der Leitung des "Reichsbauernführers" Walter Darré, der zugleich das Amt des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft bekleidete. Die volle agrarische Autarkie sollte durch Schutz vor dem Wettbewerb mit dem Ausland erreicht werden. Ein gleich bedeutendes Ziel Darrés war es, das für ihn "rassisch gesunde" Bauerntum zu fördern und damit einen Beitrag zur Erhaltung der "nordischen Rasse" zu liefern. 1939 hatte der Reichsnährstand über 14 Millionen Mitglieder.

Das "Gesetz über den Aufbau des Reichsnährstandes" löste alle Genossenschaften und Handelsorganisationen für landwirtschaftliche Produkte auf. An ihre Stelle trat der Reichsnährstand, der die Preise und die Marktordnung festlegte. Das "Reichserbhofgesetz" vom 29.9.1933 legte z.B. fest, dass der Erbhof ungeteilt an den ältesten Sohn überging, sofern dieser seine "arische Reinrassigkeit" seit 1800 nachweisen konnte.

Zwangsarbeit in der Landwirtschaft

Neben der Bau – und Rüstungsindustrie litt am stärksten die Landwirtschaft unter dem Arbeitskräftemangel. Es bestand auch erhöhte Ablieferungspflicht für landwirtschaftliche Produkte aufgrund des Krieges, dies verstärkte den Bedarf an Arbeitskräften. Hier wurden Kriegsgefangene und Fremdarbeiter vor allem aus dem Osten eingesetzt, um die Nahrungsmittelproduktion zu sichern. Reichsnährstand und Arbeitsamt organisierten den Arbeitseinsatz der ausländischen (Zwangs-) Bauern.

Die landwirtschaftliche Ausbeutung und Verknechtung Polens, der Ukraine, Tschecho-Slowakei und anderer osteuropäischer Länder für die dirigistische, staatlich gelenkte Nahrungspolitik im NS-System wurde u.a. vom Reichsnährstand organisiert.


Ganz normale DresdnerInnen

Es mag sicher nicht in eine Architekturabhandlung gehören, aber trotzdem - stadtgeschichtlich wäre eine Aufarbeitung des ganz normalen NS-Alltages, in dem Tausende "ganz normaler" Dresdner und Dresdnerinnen den vermeintlichen "Sozialismus" für reinrassig reine Angehörige "deutschen Blutes" organisierten, während "lebensunwertes Leben" und "den Volkskörper schädigende" jüdische Mitbürger unter stillschweigender Hinnahme der Bevölkerung abtransportiert und vergast wurden, eine dringende Aufgabe.


Literaturtipp:

Götz, Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt Main 2005

Donath, Matthias: Architektur in Dresden 1933-1945, Dresden 2007, Edition Sächsische Zeitung

Ellrich Hartmut: Dresden 1933 - 1945. Der historische Reiseführer, Berlin 2008

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Reichsnährstand 1944Haupteingang des Verwaltungsbaus für den Reichsnährstand in Dresden - 19441944westliches Relief "Säen und Ernten"  1938  von Herbert Volwahsen
Reliefs von Herbert Volwahsen, Foto: ca. 1938
Haupteingang 2004 - mit den Leerstellen der  herausgeschlagenen Relieftafeln an den Ecken
Leerstelle am ehemaligen Relief "Pflanzen und Säen", Fotos: 2004
Die Fruchtkörbe in Sandstein fertigte Otto Rost, der 1955 in der folgenden Diktatur die Arbeiterfiguren am "Haus
Altmarkt" ebenfalls aus dem weich-nachgiebigen Elbsandstein formte.



Gebäude Landesbauernschaft 1938, Foto: SLUB

 

Wandfresken der "Deutsche Reichsbahn" 1948

Zwei zeithistorisch äußerst interessante Wandfresken befinden sich als Kunst am Bau in der breitgelagerten Eingangshalle. Sie wurden noch vor der Gründung zweier getrennter deutscher Staaten geschaffen und künden von der Umnutzung des Gebäudes. Nur noch zwei sandsteinerne Fruchtkörbe (von Otto Rost) weisen an der Treppe auf den ursprünglichen Zweck des Verwaltungsbaus hin.

Die beiden Nachkriegskunstwerke im zeittypischen Agit-Propstil rechts und links an den Stirnseiten sind mit "Planung und Bau" bzw. "Betrieb und Verkehr" betitelt. Sie stellen einerseits die intellektuelle Führung eines zentral angeordneten Planungskollektivs mit einem leitenden Ingenieur dar, den hart arbeitende Gleisbauer im Umfeld flankieren. Besonders auffällig sind die betont ernsten, vom Krieg stark gezeichneten Gesichter. Eindrucksvoll überträgt sich auf den heute Betrachtenden das zupackende gemeinsame Engagement der Gruppe, welche mit ganzer Kraft ein Gleis hochstemmt. Ein bewegter Wolkenhimmel und dynamisch rauchende Schornsteine unterstreichen zudem die Aufbruchstimmung im noch ungeteilten Deutsch-land. Am linken Bildrand zeichnet sich die Shilouette der im Wiederaufbau befindlichen Elstertalbrücke im Vogtland ab.

Das sich gegenüber befindende Fresko erzählt vom sozialen Leben auf und mit der deutschen Bahn. Vor einem Erzgebirgsausflügler mit Skirn steht ernst und statuarisch eine Mutter mit ihrer Tochter, die mit Blumenstrauß einen Ankommenden willkommen heißt. Ein andere Figur stellt einen Reichsbahnmitarbeiter dar, der einer alten Frau mit Stock stützend behilflich ist.

Ästhetisch passt diese grafische schwarz-weiß Kunst, die in den frischen Putz gekratzt wird, ganz in den Zeitgeschmack einer gegenständlich-konkreten, propagandistisch gefärbten (ost-) deutschen Nachkriegskunst. Stilistisch knüpfen die Darstellungen allerdings auch an die wenig abstrakte Heimatkunst während der 30er und frühen 40er Jahre innerhalb der offiziellen NS-Ästhetik an.

Die Fresken wurden von der Deutschen Bahn AG (als Rechtsnachfolgerin der Deutschen Reichsbahn), wie das gesamte Haus, 2004 umfassend saniert. Sie sind in der Eingangshalle durch die Öffentlichkeit an Werktagen frei zugänglich.


Der Architekt: Otto Kohtz
1880 (Magedeburg) bis 1956 (Berlin)

Kohtz gilt als Visionär des Hochhausbaus im Kaiserreich und der Weimarer Republik. Sein Leben lang zeichnete er (völlig erfolglos) himmelstürmende Hochhauskulissen. Zum Beispiel plante Kohtz 1920 eine architektonische und städtebauliche Vision für den Berliner Spreebogen. Das "Reichshaus" genannte Gebäude sollte als 200 Meter hohe Stufenpyramide entstehen, in der zahlreiche Reichsbehörden zusammen-gefasst werden sollten.


Otto Kohtz. Entwurf für ein Reichshaus am Königsplatz 1920/21 - rechts Reichstag. Vergrößerung

Otto Kohtz kritisierte in den 20er Jahren das deutsche Mietskasernensystem von engen lichtlosen Hinterhöfen.
In mehreren Schriften verwarf er die Idee einer Sanierung und Entkernung der Arbeiterquartiere aus finanziellen Gründen. Die einzige Lösung für das Problem bestünde in ",deutschen Hochhäusern", in Distanz zur amerikanischen Bauweise in New York.
Bereits kurz nach der Jahrhundertwende hatte Otto Kohtz himmelstürmende Architekturphantasien kreiert, wie diese 1909 für Marburg.


Hochhaus für Marburg 1909:
Bildquelle: „Hochhaus. Der Beginn in Deutschland",
von Rainer Stommer, Marburg 1990.


Seine Skizzen, veröffentlicht in dem Buch „Gedanken über Architektur", waren Ausdruck für die Suche nach einer neuen Ästhetik der Monumentalarchitektur. Seine Vorbilder sind in den babylonischen und assyrischen Bauten zu suchen, die seit 1899 durch deutsche Archäologen ausgegraben wurden.

Daß er im Gebäude des Dresdner Reichsnährstand eher die Horizontale als die Verikale betonte, läßt sich wohl durch das Wirken von Stadtbaurat Paul Wolf erklären, der in den späten 30er Jahren gerade an der Sanierung der Frauenkirche arbeitete und die historische Silhouette der Dresdner Altstadt vor übermäßig hohen Gebäuden schonen wollte. Allerdings kann man auch eine gewisse Stufung, also die Wiederkehr des Motivs eines pyramidal geschichteten Aufbaus, in dem Gebäude zwischen Machtdominanz und Sachlickeit erkennen.

Bauten (u.a.)
- Verwaltungsgebäude für den Reichslandbund in der
   Dessauer Straße (Berlin-Kreuzberg)
- 1929 Potsdam Babelsberg "Ton-Kreuz", dem ersten
  Tonfimstudio der "Ufa".



Literatur:
W. Hegemann, H. Hammer-Schenk: Otto Kohtz , Gebr. Mann Verlag; 1996
Kohtz, Otto: Otto Kohtz. Mit einer Einleitung von Werner Hegemann. EA. Berlin : Friedrich Ernst Hüsch Verlag, 1930.

DBZ 12/1938 S. K 362



Vergrößerung


Aufnahmen: April 2005 (T. Kantschew) - historische Fotos: SLUB/ Fotothek Dresden

Der Bildhauer: Herbert Volwahsen (1906-1988)

arbeitete auch nach der NS-Zeit weiter als Künstler am Bau.

Nach der Kapitulation 1945 wirkte er mit am Dresdner Institutsgebäude der ehemaligen Pädagogischen Hochschule auf der Wigardstaße von 1952. Auf der traditionellen Sandstein-Putzfassade ist eine Friesgestaltung am Portal von Herrn Volwahsen zu sehen (siehe Bild rechts).
- Plastik auf dem Striesener Friedhof in Dresden
- Totentanz (Kalkstein-Relief auf dem Gertraudenfriedhof
  in Halle) von 1946-48
- Merkurbrunnen 1963 in Bielefeld

Herbert Volwahsen wurde 1906 in Schlesien geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Breslau erlernte er in Warmbrunn im Riesengebirge das Holzbildhauerhandwerk. Von 1925 - 1931 studierte er an der Kunstakademie in Dresden bei den Professoren R. Born und Karl Albiker.
1929 »Meisterschüler« der Dresdner Akademie. 1933 erhielt er den Kunstpreis der Sächsischen Regierung für die »Geblendete«. 1946 organisierte Volwahsen die
»1. Deutsche Kunstausstellung Dresden« in Zusammenarbeit mit Karl Hofer, Will Grohmann, Joseph Hegenbarth und Max Pechstein in der die vom Nationalsozialismus verfemte Kunst vom Expressionismus bis zu den Abstrakten erstmalig wieder gezeigt wurde. 1952 erhielt er den »Kunstpreis der Stadt Köln«. 1953 übersiedelte er in die Bundesrepublik. Aufenthalte in München, Darmstadt, Paris, Rom. 1956 wurde er als Leiter der Werkgruppe Plastik an der Werkkunstschule in Bielefeld berufen. Von 1964 bis 1972 lehrte er an der Fachhochschule in Dortmund. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen verlieh ihm den Titel »Professor«.
Mehr Infos unter:
Textquelle:
www.saxonia.com/galerie/002676.htm

Fotos und Infos zum Werk: www.volwahsen.de

Der Bildhauer: Otto Rost (1887 - 1970)

1916 - 23 Schüler von Georg Wrba
1939 - 45 Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Dresden
1945 - Sowjetisches Ehrenmal zur Befreiung Deutschlands aus der Nazi-Diktatur (ehem. Platz der Einheit)

 

 

 

 

 

 

 


Fruchtkorb von Otto Rost