Stadthaus Dresden 1923
Expressive Großstadtarchitektur

 

Erbaut _._1922/23
Architekt: Ludwig Wirth (Erlweins und Poelzigs Mitarbeiter)
Adresse:. Theaterstraße 11- 13


Kraft, Charakter und Selbstbewußtsein


Das sind die Themen dieser eigenständigen außergewöhnlichen Architektursprache. Auffällig an diesem modernen Verwaltungsgebäude ist die ausdrucksstarke Ecklösung. Diese rasante, unkonventionelle Kurve ist jedoch kein eindeutiges Rusultat städtebaulicher Neuschöpfung, sondern folgte, Geschichte und Modernität genial verknüpfend, der 1922 noch vorhandenen, mittelalterlich gekrümmten Vorstadtgasse "Käufferstraße", die zum Postplatz führte (seit 1863 nördl.der Wettinerstraße von Mittelstraße umbenannt - jetzt Teil der nach 1945 geschaffenen Hertha-Lindner Straße). Allerdings ergab die gewählte Grundrisslösung des Stadthauses einen größeren Radius der Straßenkrümmung als die Biegung vor 1922.

Das Stadthaus, als erweiternder Verwaltungsbau des Dresdner Rathauses, war durch die 1921 vollzogene Eingemeindung von Blasewitz, Loschwitz und Weißer Hirsch notwendig geworden. Dresden war nun in Flächenaus-dehnung wie Bevölkerungszahl unübersehbar eine der wichtigsten deutschen Großstädte geworden. Auf den Prozess der Modernisierung und Citybildung stellte sich in dieser Zeit auch die Architektur ein.


Architektonisches Vorbild: Hans Poelzig

Das expressionistische Verwaltungsgebäude hebt sich positiv von einer herkömmlichen gründerzeitlichen Blockrand-bebauung ab und bringt dadurch diesem Areal der Wilsdruffer Vorstadt einer erstaunliche Dynamik.
Beim näheren Betrachten fällt die dezente Zurücksetzung der beiden oberen Geschosse auf, die wohl- laut Fritz Löffler- auf eine Idee des Stadtbaurates Hans Poelzigs zurückzuführen ist. Poelzig hatte selbst 1917 ein eigenen pathetischen Entwurf für ein großes, sehr bewegtes Stadthaus abgegeben, welches sich durch stufenförmigen, pyramidalen Aufbau auszeichnete und den Stadtraum mit einer konvex und konkav geschwungenen Schaufassade belebt hätte. Sein massiger Bau, der eine erhebliche Breitenwirkung in Fachkreisen entfachte, ließ sich leider nicht realisieren. Aber auch die langjährigen Amtsmitarbeiter Poelzigs Hirschmann und Arlt waren an den Vorentwürfen und Modellen Poelzigs beteiligt, so daß Wirth auf ein reiches Studienmaterial zurückgreifen konnte.
In früheren Planungsphasen zog Wirth einen Standort an der Marienbrücke Nähe Bahnhof Mitte in Betracht. Dieser Entwurf mit Rundbögen im Erdgeschoss wurde jedoch nicht umgesetzt.


Weiche Rundung und Feinheit im Detail


Die ebenfalls wuchtige Gebäudemasse von Ludwig Wirth wird durch um
laufende Simse, aufgelöst in eleganten Wellenbewegungen, geschickt gegliedert. Hohe schlanke Rundbogenportale fügen sich in die aufstrebenden Vertikalen ein. Der verwendete Kunststein erwies sich als außer-ordentlich modellierfähig und noch dazu kostengünstiger als reiner Naturstein. Die verwendeten Fassadenplatten bestehen aus Muschelkalkstein-Vorsatzbeton. Von der Konstruktion her ist der Bau ein Stahlbetonskelett, die Hintermauerung dazwischen füllt eine 25 cm starken Backsteinmauer.

Der moderne 6-geschossige Betonskelettbau mit traditionellem schrägen Ziegeldach ist ein seltenes Beispiel einer Mischung zwischen spätem Expressionismus und früher Moderne. Aber gerade in dieser Stiluneindeutigkeit liegt der eigentümliche Reiz dieser kraftvollen Großstadt-architektur, die sich zu Dresden als einer herausragenden europäischen Metropole bekennt. Trotz Inflationszeit und einer politischen Krise setzten Bauherr und Architekt auf das Wachstumspotential Dresdens und auf eine großstädtische Überformung der dörfliche geprägten Gerbervorstadt.
Während wenige Jahre zuvor (1913) das Büro Lossow/Kühne mit dem Schauspielhaus gegenüber dem Zwinger noch einem Historismus verpflichtet war, entwickelt das neue Stadthaus einen ganz eigenständigen originären Ausdruck, der noch nicht vom strengen Rationalismus des "Internationalen Stils" beeinträchtigt ist und nicht von der Diktatur des Rechten Winkel beherrscht wird.

Sanierung

1999 - 2000 sanierte die Dresdner STESAD denkmalgerecht das Stadthaus. Dabei wurde auch der 1945 vollständige ausgebrannte Lichthof, der erst 1958 bis 1961 vereinfacht wieder aufgebaut wurde, mit seinen ehemaligen zackigen Pfeilerkapitellen in seine ursprüngliche Form zurückversetzt.

Zur Geschichte des Hauses



Ein deutscher Architekt der Mitte - ohne die Radikalität der Neuerer

Wirth war jahrelanger Mitarbeiter von Hans Erlwein, dessen Auseinandersetzung mit der Dresdner Bautradition er offenbar eine ganz eigene Auffassung entgegensetzte. Auch sein Stadthaus hat zwar immer noch ein rotfarbiges Ziegeldach und traditionelle Sprossenfenster, setzt in der Hauptsache auf (Kunst-)Stein, anstatt auf das damals bereits von Mendelsohn und anderen favorisierte Material Glas (sieht man einmal vom Lichthof ab), aber die eigenwillige Abwicklung seiner Vorderfassade spielt auf ganz eigene Weise mit wellenartigen Formen, mit Licht- und Schatteneffekten seiner profilierten Werksteinfassade. Auch das expressionistische Treppenhaus in geformten Beton knüpft mit einer ausdrucksstarken Interpretation an die reiche Dresdner Gestaltungstradition von Treppenhauslösungen an.
Interessant wäre auch eine fächerübergreifende Analyse dieser Architektur mit Parallelen zu den literarischen, bildlichen oder tänzerischen Avantgarden des Expressionismus zwischen 1905 und 1920 in Dresden. Gerade der hochgespannte Ausdruck eines neuen Lebens - im Bruch mit den damals als überholt geltenden bürgerlichen Werten hatte einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Schaffen der in Dresden wirkenden Architekten. Die Vokabel Rhythmus z.B. erfuhr nicht nur in den Tänzen von Mary Wigman oder Gret Palucca eine neue Bedeutung- auch in der Architektur des Expressionismus spielte die Suche nach einem Rhythmus, der das veränderte Leben widerspiegelt, eine nicht unerhebliche Rolle, wie man z.B. am Stadthaus und seiner rhythmisch auf- und abschwellenden Fassade beobachten kann.



Spätexpressionistische Architektur: Rhythmische
Wellenbewegungen + "atmende" Schwingungen, big
 
Tänzerin und Choreographin Mary Wigman
in einem expressionistischen Ausdruckstanz
1920. Foto: Hugo Erfurth, Dresden.

Die rhythmischen Wellen des Stadthauses von Wirth haben Ähnlichkeiten und Parallen mit einem Entwurf für ein expressionistisches Bankgebäude von Hans Poelzig aus dem Jahr 1920 (bzw. 1918). Da Wirth bereits Mitarbeiter bei Stadtbaudirektor Poelzig war, wird er dessen Entwürfe und Intentionen genau gekannt haben. Wirths Entwurf spielt mit den horizontalen und vertikalen Linien des Poelzig'schen Bankhauses, das leider nicht realisiert werden konnte.



Hans Poelzig: Perspektivische Ansicht Bankgebäude (Ausschnitt) am Ring in Dresden - nicht ausgeführter Entwurf ca. 1920



Städtebauliche Vorkriegssituation 1943 (Aufnahme: Deutsche Fotothek/ SLUB)



Ludwig Wirth
1979 in Regensburg  – 1946 in Garmisch-Partenkirchen

In Regensburg gebürtig, ist er von Hans Erlwein 1914 nach Dresden berufen worden. Dort hat er als dessen und Hans Poelzigs Mitarbeiter gewirkt. 1914 - 24 war er Abteilungsleiter im Hochbauamt, Stadtbaudirektor und Regierungsbau-meister. 1925 gründete er in Dresden ein eigenes Büro (bis 1935). Ab 1935 Wechsel nach Garmisch und dort eigenes Büro.
Von seinen zahlreichen Projekten ist nur wenig erhalten geblieben. Als "gemäßigter" Baumeister hatte er sich weder in der Weimarer Republik noch in der NS-zeit als Architekt wirklich durchsetzen können.
In der deutschen Öffentlichkeit ist er als Architektur-theoretiker mit einer Publikation über Grundrißformen kleinerer Wohnungen (Berlin 1919) in Erscheinung getreten.

Werke Wirths (u.a.):
-  Beteiligung am deutschen Pavillon der internationalen
   Hygiene-Ausstellung in Genua (1914)
-  Beteiligung an der Hauptfeuerwache in der Dresdener
   Neustadt (1914)
-  Projekt für ein Garten- bzw. Ausstellungsrestaurant
   (1918-19)
-  Entwurf für das Pfarrhaus in Neu-Berzdorf (1920)
-  Pläne für den Neubau eines Studentenhauses in Dresden
   (1922) - bis 1925 wahrscheinlich Mitarbeiter an der Reali-
   sierung in der Mommsenstraße
-  Wettbewerbsprojekt für das "Nationale Hygiene-Museum"
   am Zwinger (1921)
-  "Vorprojekt" zu einer Großmarkthalle in Dresden und Pläne
    zu einigen privaten Wohnhäusern (undatiert).


Detail Fassade Stadthaus

Detail Fassade Stadthaus, Foto: TK 2012


Literaturtipp:

Ludwig Wirth: "Meine Arbeiten" - Sammlung von ca. 10 Entwürfen und Dokumentationen von Projekten.
1913- 1935

Robin Halwas: Ludwig Wirth. The architect’s drawings and other documentation for projects planned or built in Dresden, 1913–1935, preserved in his own portfolio. 2013
Text und Abbildungen: www.ilab.org


Ludwig Wirth, früher Entwurf für ein neues Stadthaus an der Marien-Brücke (rechts im Hintergrund: Bahnhof Mitte)


Stadthaus Dresden 1988
Stadthaus Dresden 1988, Foto: SLUBStadthaus Dresden 1923 in einer Aufnahme von 1957
Stadthaus Dresden in einer Aufnahme von 1957, Foto: SLUBDresden Stadthaus Theaterstraße von L. Wirth  in einer Aufnahme von 1976, durch einen Neubau 1995 heute in dieser eindrucksvollen Breite so nicht mehr wahrnehmbar.
Stadthaus Theaterstraße 1976 - durch einen Neubau 1995 heute in dieser eindrucksvollen Breite so nicht mehr wahrnehmbar. Foto: SLUBStadthaus 1957
Stadthaus 1957, Foto: SLUB Stadthaus - im Hintergrund Schauspielhaus
Stadthaus - im Hintergrund Schauspielhaus Elegante Form eines Eingangsportals vom Neuen Stadthaus - profilreich, ornamental, schön. Elegante Form eines Eingangsportals vom Neuen Stadthaus, Foto: TKExpressionistisches Treppenhaus vom Stadthaus von  Ludwig Wirth 1922-23 in Dresden Mitte
Expressionistisches Treppenhaus vom Stadthaus, Foto: TK 2004Eleganten Wellen am Dresdner Stadthaus von 1923
Eleganten Wellen am Dresdner Stadthaus, Foto: TK 2004
Foto: TK 2004 Lichthof Stadthaus Dresden während der Zeit als Hauptbibliothek 1968
Lichthof Stadthaus Dresden während der Zeit als Hauptbibliothek 1968 Lichthof Stadthaus Dresden während der Zeit als Hauptbibliothek 1968
Lichthof als Hauptbibliothek 1968 Lichthof nach der Sanierung und Teilrekonstruktion, wie z.B. die expressiven zackigen Pfeilerkapitelle
Lichthof nach der Sanierung und Teilrekonstruktion (z.B. der expressiv zackigen Pfeilerkapitelle)Stadthaus - April 2005
Stadthaus - Foto: TK April 2005

Stadthaus von hinten - gut zu erkennen: Satteldach mit roten Dachziegeln. (Dez. 04)
Bildquelle: Das rote Leuchten. Dresden und der Bombenkrieg, Dresden 2005
Luftbild 31.05.1944 der Royal Air Force (Ausschnitt): Städtebauliche Situation des Stadthauses und der geschwungenen Käufferstraße. Eine Verbindung zur Ostraallee gab es bis 1945 nicht.


Stromlinienförmiges 1920er-Jahre-Design: Originalschild am Stadthaus, Foto: 2012 TK, Vergrößerung
Fassadenmaterial: Kunststein, Foto: TK 2012
Modellierbarer Kunststein, Der Eingang wird strahlenförmig betont. Foto: TK


Pfeilerkapitelle im Bürgersaal, 1.OG, Foto: TK


Stadthaus von Hans Poelzig - Entwurf 1917


Modell vom Neuen Stadthaus in Dresden von Hans Poelzig 1917 mit konvexem Schwung. Eine andere Fassung hatte nur konkave (nach innen gewölbte) Schwünge:
Modellansicht Link zur Plansammlung der TU Berlin


Standort des von Poelzig entworfenen Neuen Stadthauses war das sogen. Koch-Hessische Grundstück am Ring, da wo einst die Bastion Merkur lag. Als Pendent zum Neuen Rathaus hätte das expressionistische Stadthaus von Poelzig einen grandiosen Gegenpol gebildet. Das Projekt kam nicht zustande.
(Ausschnitt Stadtplan Dresden 1912)



Poelzig: Entwurf Stadthaus, Grundriss Skizze, Verbleib unbekannt, Vergrößerung

Material & Umfeld
Dresdner Hefte Nr. 72 - "Unruhe über der Stadt. Dresden und der Expressionismus" 2002.

Almai, Frank: Expressionismus in Dresden. Zentrenbildung der literarischen Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland, 2004.

Schrei in die Welt. Expressionismus in Dresden. Berlin (Ost) 1988, Lizensausgabe für die BRD, Westberlin, Österreich und die Schweiz, Hrsg. v. Peter Ludewig.

Wolfgang Pehnt, Die Architektur des Expressionismus, 1998, Hatje Verlag.

Julius Posener: Vorlesungen zur Geschichte der Neuen Architektur II. Die Architektur der Reform (1900 - 1924), in:
53 Arch+ , Sept. 1980

Heike Hambrock: Bauen im Geist des Barock. Hans und Marlene Poelzig. Architekturphantasien, Theaterprojekte und moderner Festbau (1916-1926), Berlin 2005

"Fragments of Metropolis – Berlin", Hg. Christoph Rauhut, Hirmer Verlag, München 2015


Expressionismus in Dresden
Eine Ausstellung - organisiert von der TU-Dozentin Tanja Scheffler und Studenten - zeigte expressionistische Architektur in Dresden.
SZ vom 24.06.05: "Anlässlich des 100-jährigen Gründungsjubiläums der Künstlergruppe BRÜCKE, deren erste Protagonisten sich bekanntlich als Architekturstudenten an der Dresdner TH (später Uni) betätigten, realisierten Studenten des Lehrstuhls für Baugeschichte besagte Exposition. Im ehemaligen Schalthaus des Heizkraftwerkes Mitte dokumentieren Schautafeln, Fotografien und Zeichnungen beispielhaft expressionistische Architektur in Dresden. Darunter firmieren Objekte wie die Litfaßsäule am Güntzplatz und das Lingnermausoleum (expressionistische Vorentwürfe- u.a. Hans Luckhardt). Filmvorführungen und eine thematische Architekturführung runden das Angebot ab. Studenten der Gestaltungslehre zeigen ihre Auseinandersetzungen mit Farbe und Bildkompositionen expressionistischer Gemälde; die Fakultät Grundlagen des Entwerfens steuert expressionistische Entwurfsobjekte bei."



Das Jahr 1914.
Ludwig Meidner in Dresden

19. Oktober bis 19. Januar 2014
Sonderausstellung der Städtischen Galerie Dresden,
mehr Infos: www.galerie-dresden.de


Ludwig Meidner, Die Alaunstraße in Dresden, 1914 (Vergrößerung), Biographie Meidner's, als einer der bedeutendsten Vertreter des urbanen Expressionismus. Er lebte von 1914 bis 1916 in Dresden.


Ludwig Meidner, Das Eckhaus (Villa Kochmann, Dresden), 1913 Öl auf Leinwand, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid / Vergrößerung

"Malen wir das Naheliegende, unsere Stadt-Welt! die tumultuarischen Straßen, die Eleganz eiserner Hängebrücken, die Gasometer, welche in weißen Wolkengebirgen hängen, die brüllende Koloristik der Autobusse und Schnellzugslokomotiven, die wogenden Telephondrähte (sind sie nicht wie Gesang?), die Harlekinaden der Litfaßsäulen, und dann die Nacht... die Großstadt-Nacht (...)
Wir müssen endlich anfangen unsere Heimat zu malen, die Großstadt, die wir unendlich lieben. Auf unzähligen, freskengroßen Leinwänden sollten unsre fiebernden Hände all das Herrliche und Seltsame, das Monströse und Dramatische der Avenüen, Bahnhöfe, Fabriken und Türme hinkritzeln. (...) Es ist nicht möglich mit der Technik der Impressionisten unser Problem zu bewältigen. Wir müssen alle früheren Verfahren und Trucs vergessen und ganz neue Ausdrucksmittel uns zu eigen machen."
aus: Ludwig Meidner, Anleitung zum Malen von Großstadtbildern. Aus: Das neue Programm, in: Kunst und Künstler 12 (1914).


Ludwig Meidner, Webergasse in Dresden, 1913


Apocalyptische Landschaft, 1916 (Ausschnitt),