Sächsischer Landtag
Stolz auf die 1989 errungene Demokratie

 

Bauherr:   Freistaat Sachsen
Architekt: Peter Kulka / Altbau: Barthold und Tiede (1928- 31)
Platzgestaltung: Peter Kulka
Bauzeit: _1991- 94
Adresse:
. Bernhard-von-Lindenau-Platz 1


Architektur. Die Bauten des Sächsischen Landtages: www.landtag.sachsen.de


Mit der Wiedervereinigung Deutschlands mußte die Unterbringung des sächsischen Landtages gelöst werden: Zunächst wurde das alte Ständehaus von Wallot in Betracht gezogen, doch fiel die Entscheidung, das 1928- 31 von Barthold und Tiede im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaute Landesfinanzamt zu sanieren, das 1953 - 89 die Bezirksleitung der SED beherbergt hatte. Dieses Ensemble wurde zur Elbe hin u.a. mit einem Plenarsaal ergänzt - auch um diesen zentralen Bereich besser zu nutzen. Dazu gab es einen beschränkten Wettbewerb von 12 sächsischen Architekten, den der 1990 aus Köln nach Dresden zurückgekehrte Kulka gewann.

Der Neubau strahlt Zurückhaltung und Bescheidenheit aus. Eine kräftige Geste des Schutzes unserer Demokratie symbolisiert jedoch das weit hervorstehende Flugdach am Eingang zum Neubau.
Dieser soll im spannungsvollen Gegensatz zum schweren, steinernen Altbau leicht und transparent wirken. Funktion und Konstruktion werden nach den Prinzipien der Moderne offengelegt. Zum Beispiel in den neuen Flügelbauten ist die offen liegende Stahlskelettkonstruktion mit roh belassenen Stahlbetondecken ein Gestaltungselement. Viel Glas soll viel nachvollziehbare Transparenz assoziieren.

In den Sommermonaten allerdings kann man das Parlamentsgebäude von der Neustädter Elbseite kaum erkennen, so versteckt es sich hinter den Lindenbäumen. Eine kräftig akzentuierte Vertikale hätte den großen Stolz auf die 1989 besonnen erkämpfte Demokratie gut zum Ausdruck bringen können. Doch der Architekt Peter Kulka hat den Neubau horizontal gelagert.
Eine vertikale Betonung des Neubaus wurde zugunsten des rückwärtig gelagerten, turmartigen Eckbaus aus dem Jahr 1931 verzichtet. Damit sollte die Gliederung des Terrassenufers mit niedrigen Baukörpern an der Elbe und höheren Bauteilen dahinter fortgesetzt werden.

Im Inneren wird der mit Holz verkleidete Plenarsaal als runder amphietheaterartige Bau konstruktiv sichtbar. Von außen wölbt sich das Rund gläsern um die Ecke. Vier massive Kreuzstützen halten ein monumentales Stahldach - ein Motiv entlehnt von der Berliner Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe (1965-68).

Für die Öffentlichkeit zugänglich ist das Restaurant und die Sonnenterrasse. Selbstverständlich ist die Besuchertribüne des Plenarsaals für Interessierte - mit Voranmeldung - bei den Landtagssitzungen zugänglich. Auch das Foyer wird oft mit verschiedenen Ausstellungen über die Geschichte und Gegenwart des sächsischen Parlamentarismus vielfältig genutzt. Ein offenes Haus in vielerlei Hinsicht.

Der offene freie Vorplatz, benannt nach Bernhard Lindenau, wird als Demonstrationsplatz für verschiedenes politische Äußerungen des Volkes genutzt. Er ist seit 2006 mit dem Kunstwerk "Nike 89,
Sieg mit gebrochenen Flügeln" vom Künstler Prof. Wieland Förster ergänzt worden. Entstehungsjahr: 1997/1998. Mehr Kunst am Bau im Landtag auf: www.landtag-sachsen.de

Wegen des ungünstigen Baugrundes und des hohen Grundwasserstandes an diesem elbnahen Standort erhielt das Gebäude einen Unterbau aus Stahlbetonpfählen (ca. 1.000 unter dem Altbau und 176 unter dem Neubau) mit einem Durchmesser von bis zu 1,20 Meter.


Beschreibung der Architektur vom Bauherrn selbst
:

"Die Architektur des Landtagsneubaues und deren Fortsetzung in der Sanierung und Erweiterung des Altbaues sind einer Schaffensperiode Peter Kulkas zuzuordnen, die sich frei von Probieren und Experimentieren durch eine das Landtagsgebäude charakterisierende Klarheit, Schlichtheit und Konsequenz in der Architektursprache auszeichnet.
Die vornehme Zurückhaltung, mit der sich die Gebäudeanlage im Elbe-Raum einordnet, widersteht jeglicher Versuchung, den umgebenden Solitärbauten Konkurrenz zu bieten bzw. den inneren Nutzungszweck als Parlamentsbau in übertriebener Weise nach außen zu präsentieren.
Der Stahlbau mit seinen großen Glasflächen zwingt das einem Parlament gut zu Gesicht stehende Thema "Transparenz" förmlich auf. Der auch kühl und nüchtern wirkende Bau ermöglicht dadurch die sehr belebende Einbeziehung der Landschaft in das Raumerlebnis.
Funktionalität und Materialsichtigkeit der Architektur erwachsen aus dem Bedürfnis Kulkas, nichts zu überdecken und zu verkleiden. Durch die Wahl edler Materialien und die konsequente Formensprache wird trotzdem ein vornehmer Gesamteindruck erreicht, der der Würde und dem Anspruch des Parlaments in überzeugender Weise entspricht.
Der Altbau, in erster Linie eine Sanierungsaufgabe, trägt insbesondere dort, wo mit Nutzungsänderungen und -erweiterungen Eingriffe in die Altbausubstanz gewollt waren, die deutliche Handschrift Kulkas. Gestaltungselemente und Details aus dem Neubau kehren im Altbau wieder. So ergibt sich ein reizvolles Zusammenspiel von Formen, Farben und Materialien in äußerlich recht unterschiedlichen Gebäudeteilen.
Ihre Fortsetzung findet die Architektursprache Kulkas in der Gestaltung des Platzes vor dem Landtag. Charakteristisch dafür sind die strenge Aufteilung des Platzes in Flächenbereiche mit unterschiedlichem Materialeinsatz und die den Platz belebenden Hochbauelemente, die wiederum den unmittelbaren Bezug zum Neubau vermitteln.
Die Landtagsbauten sind der "klassischen Moderne" zuzuordnen." (Textquelle: www.landtag-sachsen.de)

 


Grundriss Landtagsneubau - Vergrößerung


Neue Terrasse

Der gesamte Komplex des Sächsischen Landtages sollte ursprünglich Teil eines Komplexes für eine Neue Terrasse in Fortführung der historischen Brühlschen Terrasse nach Westen Richtung Ostragehege sein. Die mit symmetrischen Baumreihen geplante Weiterführung sah neben dem Landtag die Verlegung der Landesbibliothek in den alten Erlwein-speicher vor, ergänzt durch ein neues Philharmoniegebäude. Diese neue Terrasse wurde in Ansätzen mit dem fortlaufenden Grünzug bis zur Eisenbahnbrücke realisiert.
Die angestrebten neuen Nutzungen allerdings kamen nicht zustande. Stattdessen wurde das ICCD gebaut sowie ein Hotel im komplett entkernten Erlweinspeicher.

Neue Terrasse an der Elbe mit Landtag, ICCD und Speicherhotel
neue Terrasse (Foto: Mai 2010 )

Die neue Terrasse wurde übrigens vom Dresdner Hochbauamt mit Hochwasserkaimauer, Bäumen und Promenadenweg zwischen 1931 und 1934 nach Abbruch von Zufahrtsgleisen errichtet.

 

Altbau: Barthold und Tiede (1928- 31)
Neue Sachlichkeit in Dresden

Gläsern: der Hof des Ensemblesholzverkleideter Plenarsaal vom Erdgeschoss-foyer aus gesehenFoyer im Neuen Sächsichen LandtagZuschauertribüne im Plenarsaal des Sächsischen Landtages Sächsischer Landtag : Altbau von 1931
Altbau: Barthold und Tiede (1931) Foyer Altbau  Sächsischer Landtag
Altbau - Foyer


Modell Sächsischer Landtag, Mai 1991


Bernhard-von-Lindenau-Platz - moderne Platzgestaltung:
"Die streng geordnete Architektursprache Kulkas findet auch in der Gestaltung des Vorplatzes ihre Fortsetzung. Charakteristik des Platzes ist neben den geschnittenen Kastenplatanen vor allem die orthogonale Aufteilung über unterschiedliche Materialien. Die auf dem Platz stehenden Lampen und die Architektur der dortigen Tiefgaragen-Zugänge beziehen sich in ihrer Gestaltung ebenso unmittelbar auf den Landtagsneubau. Zur Elbe hin öffnet sich der Platz über eine Sitztreppe." Mehr Bilder auf: www.wasistlandschaft.de

Nike von Wieland Förster
"Nike 89, Sieg mit gebrochenen Flügeln" von Wieland Förster, Foto: TK 2010

Der Altbau von 1931 für das Sächsische Finanz- und Zollamt stammt von Barthold und Tiede, die sonst in Dresden kein weiteres Bauwerk errichteten. Nach langen Hochhaus-debatten in Dresden in den 20er Jahren konnte immerhin ein 7-stöckiger Turm mit 36 Meter Höhe errichtet werden, der kubisch aus der südöstlichen Ecke herausragt.
Vom ursprünglichen Gebäude ist nur noch etwa 50% des Komplexes erhalten. Der gesamte Elbflügel ist im Krieg zerstört worden.

Eines der typischen Büro-Verwaltungsgebäude der 1930er Jahre im Stil der Neuen Sachlichkeit bringt all die oft unter-
schätzen Gestaltungsmittel zum Einsatz, die allgemeinhin wegen ihrer Dezenz und Zurückgenommenheit übersehen werden. Der Eindruck luftiger Großzügigkeit des modernen Foyers konnte beim Umbau 1991 durch die Öffnung sämtlicher umgebender Wände zugunsten einer loggienartiger Galerie mit offenen Fluren und mehr Licht noch gesteigert werden.

Der ehemals himmelsoffene Innenhof wurde nun überbaut und hat heute die Funktion einer Kantine für die Landtagsmitarbeiter und Abgeordneten.

Ein weiterer Gestaltungsakzent findet sich in der Fensterreihung mit vorgezogenen Gewänden. Gegenüber dem historistisch-eklektizistischen Elektrizitätswerk mit seinem ornamentierten Turm (nicht mehr vorhanden) stellte dieses Bürogebäude zur Entstehungszeit 1931 wohl einen starken Kontrast von demonstrativer Sachlichkeit dar.

Der Eingangsbereich wurde optisch hervorgehoben durch bauplastischen Schmuck. Zwischen den Fenstern ragten sechs schmal hochstehende, männliche Figuren im strengen Körpergestus empor. Sie waren fast so hoch wie die Fenster des 1. OG und standen jeweils auf einem Konsolstein.
Die beschädigten Plastiken wurden nach 1945 entfernt.


Fußbodenplatten von Mies van der Rohe

Jan von Havranek ("Das Neue Dresden 1919 - 1949") fand heraus, daß "laut einem Vermerk im Schriftarchiv des Landesamtes für Denkmalpflege Dresden die Fußboden-platten aus dem Pavillon des Deutschen Reiches von Mies van der Rohe für die Weltausstellung in Barcelona 1929 stammen." Dieser war nach Beendigung der Ausstellung abgerissen worden, das Baumaterial wurde verkauft. 1983-86 ist der berühmte Pavillon dann von Spanien rekonstruiert worden.



Ehemaliges Finanzamt. Aufnahme: 1975 (SLUB). Eingangsbereich vereinfacht, Plastiken entfernt, Elbflügel zerstört

Höhendominanten: historisch "verkleideter" Schornstein des Heizwerkes und niedriger "Turm" des Finanzamtes 1931 - hier noch mit Elbflügel



Sächsischer Landtag 1946 bis 1952

Das komplett SED-dominierte sächsische Parlament tagte nach dem Krieg bis zu einer Auflösung 1952 im Gebäude des ehemaligen Luftgaukommandos in Dresden Strehlen, was nur zu etwa 1/4 zerstört worden war. Danach wurde das Land Sachsen in drei "Bezirke" aufgeteilt: Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz).


Homepage des Architekten: www.peterkulka.de

Der 1937 in Dresden geborene Architekt Peter Kulka baut z.Z. auch das Deutsche Hygiene Museum in Dresden um. Seit einiger Zeit ist er auch mit der Planung zum Wiederaufbau des Ostflügels vom Residenzschloss beschäftigt. 1964 arbeitete er bei Herrmann Henselmann im Institut für Typenprojektierung in Ostberlin und zwischen 1965 und 68 bei Hans Scharoun in Westberlin. Seit 1979 betreibt Prof. Kulka ein eigenes Büro.


Literatur:

Jörn Walter, Städtebau und Architektur für das moderne Dresden. In: Die Zukunft der Stadt. Düsseldorf 1995

Der Sächsische Landtag- Umbau, Dresden 1997

Kurt Joa Wimmer, Der Landtagsneubau und sein Umfeld. In: Dresden 1992 Erfahrungen - Perspektiven, Hrsg. Paulhans Peters, arcus 17, Köln 1992.

360°-Panorama am Landtag auf
www.arstempano.de

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Parlamente in Ostdeutschland:

Der wiedervereinte Berliner Landtag sitzt im 1991-92 sanierten Abgeordnetenhaus im ehemaligen Preußischen Landtag (1892-1904) direkt am Standort der alten Mauer, die Ost und Westberlin von 1961 bis 1989 trennte.

1991 hat der Landtag von Sachsen-Anhalt seinen Sitz in den historischen Häusern Domplatz 7 - 9 (1724 bis 1728 gebaut, 1954 bis 1956 nach Kriegsschäden aufgebaut, direkt am berühmten Magdeburger Dom.

Der brandenburgische Landtag befindet sich innerhalb des wieder aufgebauten Schloss am Alten Markt. 2011 - 14 wurde dort das neue Parlament durch den gleichen Architekten wie in Dresden gebaut: Peter Kulka. Infos

Mecklemburg-Vorpommerns Parlament tagt edel im Schweriner Schloss. Der Plenarsaal, bereits 1948 geschaffen, wurde 1990 modern interpretiert.

Thüringen baute in Erfurt 2002-05 einen neuen zeitgenössischen Plenarsaal. Mehrere "Altbauten" werden für die Verwaltung genutzt, so das zwischen 1936-39 errichtete jetzige Fraktionsgebäude oder das 10geschossige Verwaltungshochhaus, gebaut bereits 1950-51. (Infos)


Orginale Travertinplatten des Deutschland-Pavillons der Weltausstellung 1929 in Barcelona

1931 eingebaut in die Eingangshalle des ehem. Finanzamtes Dresden (jetzt Altbau vom Sächs. Landtag)


Turmartiger Erhöhung des ehem. sächs. Finanzamtes (jetzt Landtag)

Fotos: T.Kantschew 2007

Hof Kantine 2007

Treppe Altbau 2007

Treppenhaus 1931 im Stil der Neuen Sachlichkeit, Foto: Jan. 2007 TK, Vergrößerung