Sächsische Landesschule Klotzsche
Neoklassizismus, Regionalität und eine gesellschaftliche Utopie

 

Architekten: Heinrich Tessenow und Oskar Kramer
Bauzeit:----- 1925
Adresse: ----Königsbrücker Landstraße 4a

Heutiger Nutzer:
Akademie für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz Berufsgenossenschaft der Feinmechanik und Elektrotechnik Bildungsstätte Dresden

Die reformpädagogisch ausgerichtete Sächsische Landesschule wurde 1926 aus der Albertstadt in die neu entstandene Schulstadt auf den Thümmelsberg in Klotzsche verlegt und bis 1934 als Internatsschule genutzt. Neben dem Schulgebäude entstanden sechs Internatsbauten, ein Festsaal, Turnhalle, Sportstadion und Verwaltungsgebäude.

Die größte Internatsschule Sachsens sollte als Nachfolgerin des aufgelösten Kadettencorps ihre Schüler im Sinne des humanistischen bürgerlichen Bildungsideals erziehen.
Die Nazis richteten hier eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (NAPOLA) ein. Ab 1945 dienten die Gebäude der Sowjetarmee. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Abzug der Besatzungstruppen wurde die ehemalige Landesschule rekonstruiert und 2001 als Akademie für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz eröffnet.

Der Gesamteindruck besticht durch wohltuende Ruhe.

Auch bei der sächsischen Landesschule in Dresden Klotzsche verwendete Tessenow einen streng abstrahierten neoklassizistischen Baustil mit klaren Formen - fast ohne Schmuckwerk und Ornamentik. Im Hofbereich finden sich jedoch über den Türen zwei Reliefplatten mit der Darstellung einer antikisiereden Schulszene: Lehrer und drei Knaben mit dem Verweis auf die allumfassende Aufgabe der Bildung durch Globus und Friedenstaube, eine zutiefst humanistische Aussage kurz nach Beendigung des I. Weltkrieges.
Dezente 20er Jahre Ornamente erfreuen das aufmerksame Auge zudem an den schlichten Pfeilerkapitellen am Haupteingang.

Auffallend ist die warme Farbe des nunmehr gereinigten Sandsteins, der von hellen Elfenbein bis dunklem Rostrot chanchiert. Mit diesen Wänden von Sandsteinrustika setzten Tessenow und Kramer farbliche Akzente an dem ansonsten sachlich gehaltenen Schulbau. Dazu kommt ein ruhiges Grau des Erzgebirgischen Schiefers auf den maßvoll geneigten Dächern und als gliederndes Gestaltungselement an den Pavillonfassaden. Die nordseitig 2001 komplett neu errichteten Pavillons verzichten allerdings auf den Schiefer und gliedern stattdessen mit glatten profilosen Plastikplatten, dem Drang nach immer mehr monochromer Glätte in der zeitgenössischen Architektur nachgebend.

Architektur und Landschaft

Herausstechendes Gestaltungselement war und ist die hervorragende Einbettung der Anlage in die Heidelandschaft. Mit Stauden bepflanzte Terrassen vermitteln an der topographischen Hanglage. Die sanft hügelige Landschaft fließt förmlich von der Königsbrücker Straße in den Gebäudekomplex hinein.

Materialismus noch nicht die alles bestimmende Grundanschauung
Die Klarheit und Symmetrie der Tessenowschule hat geradezu etwas Meditatives. Optimismus und auch ein Stück Idealismus kommen in dieser geordneten Anlage zum Ausdruck. Die Architektur verkündete: Sachsens Jugend, ja der Freistaat Sachsen war nach dem Ende der autoritären Wettiner Monarchie reformierbar.
Das Bauen zielt in diesem Schulkomplex nicht allein auf reine Zweckerfüllung und Nützlichkeit. In Fortführung der Reformbewegung der Hellerauer Gartenstadt ist er als Versuch zu werten, weit außerhalb der engen "alten Stadt" im grünen, luftigen Norden neue Wohn- und Lehrformen auszuprobieren.
Der Faszination für die Huldigung der entseelten "Maschine", des Technischen, des entkoppelten rein materialistischen Fortschritts, wie sie z.B. im Film von Fritz Lang "Metropolis" (1927) in seiner ganzen Mehrdeutigkeit gezeigt hatte, erliegen Tessenow und Kramer nicht. Die Suche nach der Form bleibt bei ihnen nicht einzig technische Vollendung, sondern wurzelt in einem sichtbaren Ortsbezug und klaren gesellschaftlichen Zielvorstellungen.

 

Beschreibung des Gebäudekomplexes:

Die Bauten liegen symmetrisch um einen rechteckigen Hof. Die Zuordnung ihrer Aufgaben folgt dem angestrebten pädagogischen Konzept: Unterrichtsgebäude, Sportanlage, Aula, Wirtschaftsgebäude und Schülerwohnungen, die mit Lehrerwohnungen verbunden sind, um eine familiäre Atmosphäre zu schaffen. Von Tessenow stammen die sechs Schülerwohnheime an den Längsseiten des Hofes, sowie die Festgebäude mit Mensa im EG un Aula im OG. Die Schülerheime sind durch Wandelgänge miteinander verbunden. Entlang ihrer Hofseite sind Pergolen aus Stahlbeton angebracht, die dem Hof ein einheitliches, monumentales Erscheinungsbild geben.
(Architekturführer Dresden 1997)

"Der große Komplex, der sich auf einem weitläufigen Grüngelände erhebt, besteht aus einem Unterrichts- gebäude, sechs Wohngebäuden für Schüler und Lehrer, der Mensa und der Großen Aula. Daran angegliedert sind das Rektoratsgebäude, das Konrektorgebäude und die Hausmeisterwohnung, ein Gebäude mit vier Wohneinheiten sowie die Turnhalle und die Sportplätze. Mit zwei hohen, schlanken Pergolen aus Stahlbeton, einem aus der Gartenarchitektur entlehnten und ins Monumentale gesteigerte Motiv, entsteht das einheitliche Bild des Gartenhofes. Hinter ihren durchsichtigen Lattenrosten befinden sich die isolierten Bereiche der Wohnheime, die ihrerseits über Höfe und Gärten verfügen. Im Erdgeschoß des Baus an der Stirnseite des Hofes befindet sich die große Mensa für 252 Schüler und Lehrer und im Obergeschoß der Theatersaal der Großen Aula."
www.tessenow-gesellschaft.hamburg.de

Tessenows Landesschule wirkt 1925 ein wenig aus der Zeit gefallen. Im selben Jahr baut Walter Gropius in Dessau das neue Bauhausschulgebäude, während Tessenow sich in Dresden noch an strenge Symmetrie und Klassizität orientiert. Als moderner Traditionalist strebt er eine Erneuerung mit Augenmaß an - ohne revolutionäre Umstürze. 

Weitere Informationen zur Architektur
www.dguv.de  (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung - derzeitiger Nutzer der Schule)

Oskar Kramer: Die Neubauten der Landesschule Dresden in Klotzsche. In: Deutsche Bauzeitung Dezember 1927, Nr. 101
Download: http://delibra.bg.polsl.pl

Heinrich Tessenow (1876 - 1950)

"Tessenow gehörte in den lebhaften geistigen Auseinander- setzungen der ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts zu den führenden und interessantesten Architekten in Deutschland. Sein Wirken ist in die von England ausgehende, als geistige Besinnung und Erneuerung empfundene europäische Bewegung einzuordnen. Es war ein Besinnen auf Werte, die in der Verwirrung des Historismus und in der hektischen Suche nach "Stilen" verloren gegangen waren. Mit seiner Vorstellung von neuen menschlichen Lebensformen wandte er sich in seinen Schriften, in seinen Planungen und mit seinen Bauten dem Wohnungsbau, insbesondere dem Kleinwohnungsbau, zu." - von denen man auch mehrere in Dresden Hellerau finden kann.
(www.tessenow-gesellschaft.hamburg.de)

1920 - 1926 hatte er die Leitung der Architekturabteilung in der Akademie der Künste in Dresden inne.
Zu seinen Hauptwerken gehört das Festspielhaus in Hellerau, die Umgestaltung der "Neuen Wache" von Schinkel in Berlin, das Stadtbad Berlin-Mitte 1927-30 (Gartenstraße).
Für Dresden ist auch sein Wiederaufbauplan für das zerstörte Lübeck von 1947 interessant. Tessenows nicht realisiertes Wiederaufbaukonzept beschränkte sich auf ein Minimum an Eingriffen, das die erhaltene Bausubstanz, die Straßenzüge und die Verkehrslinien unangetastet ließ. Auch die Baulücken, die die Bomben hinterlassen hatten, ließen sich vorteilhaft verwerten. Einzig ein Umgehungsring um die Altstadt und eine konsequente Verkehrsführung im Inneren hielt Tessenow erforderlich.


Festspielhaus Hellerau (Foto: Dez. 06) - errichtet 1910- 11
Einfachheit und strenge Gliederung

Einen besonderen Stellenwert in Tessenows Schaffen stellt die Koordination der Berliner Siedlung "Am Fischgrund" in Zehlendorf dar, 1928 anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Gemeinnützigen Aktiengesellschaft für Angestellten-Heimstätten (GAGFAH) errichtet. Die Versuchssiedlung entstand während der Ausstellung "Bauen und Wohnen".
Infos bei Wikipedia


Konrad Wachsmann über Tessenow
Wachsmann war 1923 Schüler von Tessenow in Dresden:

„Tessenow lehnte rundheraus schon die Anfänge dessen ab, was dann zum sogenannten Internationalen Stil wurde. (...) Auch gegen das Bauhaus hatte Tessenow Einwände. Er war für eine fundierte, kontinuierliche Erneuerung der Architektur und lehnte revolutionäre Veränderungen ab, weil sie im Überschwang und ohne tiefes Nachdenken vollzogen würden. (…)

Tessenow war für Evolution. Zunächst, so forderte er, muss eine Ordnung geschaffen werden, eine Bestandsaufnahme mit kritischer Sichtung des Vorhandenen und des Möglichen. Das bedeutete jedoch nicht, dass er konservativ war. Im Gegenteil, er gehörte der Novembergruppe an und verteidigte die Revolution und die Republik als wichtige Meilensteine auf dem Weg in eine neue Zeit. Neuerungsideen eines Gropius aber erschienen ihm übereilt. (…) Er war ein Skeptiker, dessen Befürchtungen sich heute teilweise bewahrheitet haben. Damals wollte ich diesen Skeptizismus nicht verstehen. Es schien mir wie eine pauschale Verweigerung der Zukunft.
Genauso beurteilte ich seine Hoffnungen auf das Handwerk, die ja tatsächlich überholt waren. Henry Ford hatte das Fließband entwickelt, und wir wollten die Welt weiter in Einzelstücken fertigen. Sicher bejahte Tessenow die Typisierung als ein Ordnungssystem für das visuelle Empfinden, ich aber wollte die Revolution, die die Politik, die Kunst, die Literatur, die Musik und die Technik beflügelt hatte, auch in der Architektur. Dazu konnte mir Heinrich Tessenow keine Hilfestellung geben.“

aus: Michael Grüning, Der Wachsmann-Report. Auskünfte eines Architekten. Neuaufl. Basel Boston Berlin 2001, ursprünglich DDR 1986 (basierend auf Interviews mit Konrad Wachsmann von 1979.

Luftaufnahme der früheren
 Landesschule aus den Dreißiger JahrenEingangshalle Landesschule Eines der zwei Reliefs über den Hofportalen - Darstellung einer antikisiereden Schulszene mit Globus und FriedenstaubeRauh behauener Sandstein und hölzernes RundfensterLandeschule HofseiteHaupteingang zur Landesschule SandsteinpfeilerPfeilerkapitell mit 20er Jahre Ornamentik
Kapitell, Foto: T.Kantschew 2004Seitenpavillons mit Schieferbedeckung und Pergola Putzfassade und Sandstein
Turnhalle, 1930er Jahre



Lageplan Sächs. Landesschule, Vergrößerung

Grundriss Wirtschafts- und Aulagebäude Erdgeschoss


Blick nach dem Wirtschafts- und Aulagebäude und begrünter großer Innenhof mit Pergolagängen, Foto: 1929, Vergrößerung Architekturmuseum TU Berlin

Ausschnitt aus Foto oben. Aula Mittelteil (nach 1945 verändert)