Kaufhaus Alsberg
Citybildung in der Innenstadt

 
Architekt:
  Max Hans Kühne (Büro: Lossow & Kühne)
Bauplastik:   Georg Wrba
Bauzeit:   1922-23 / 1929-30
Adresse:      Schlossstraße / Wilsdruffer Straße 6 - 10
(ehemals)
Abriss:  

1955 (aufbaufähige Ruine)


Das Kaufhaus Alsberg, ein repräsentatives Großstadtkaufhaus, befand sich in schwieriger Grundstückslage zwischen Wilsdruffer Straße, Großer Brüdergasse und Schlossstraße - mitten in der Dresdner Altstadt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich rund um den Altmarkt die Citybildung entwickelt, in der ehemalige Wohnhäuser entweder abgerissen oder umgebaut wurden. Vermögende waren schon einige Jahrzehnte vorher in die neuen Villenvororte gezogen, in der Stadtmitte wandelten sich die Funktionen. Banken, Verwaltungsbauten und eben Kaufhäuser wurden benötigt.

Die deutschlandweit tätigen Brüder Alsberg beauftragten das berühmte Architekturbüro Lossow & Kühne, die vor dem I. Weltkrieg den großen Leipziger Bahnhof gebaut hatten, mit einem Umbau und später mit einem ergänzenden Neubau für ein eindrucksvolles und vor allem modern-übersichtliches Großkaufhaus. Das weit in den Baublock hineinreichende zur Verfügung stehende Grundstück war von Max Hans Kühne geschickt gegliedert und mit einem Lichthof versehen worden, der genügend Tageslicht in das Innere des Kaufhauses brachte. Den Kunden erleichterte die Orientierung zudem eine großzügige Aufteilung der Grundrisse.

Nicht unumstritten war die Tatsache, dass für die Umbaumaß-nahmen neun alte, teils kunsthistorisch wertvolle Bürgerhäuser abgerissen werden mussten. (1) Architekt Kühne passte sich jedoch im Neubau an der Schlossstraße und in der Fassade der Wilsdruffer Straße dem kleinen Maßstab der Altstadt an. Die DBZ schrieb: "Kleinere, in die Fläche geschnittene Etagenfenster waren hier das Richtige, und nur das Mittelmotiv klingt an die bereits vorhandene Fassade der Wilsdruffer Straße an."

Prof. Georg Wrba
, einer der bekanntesten Bildhauer Dresdens
, schuf den bildhauerischen Schmuck im zeittypischen Art-Deco-Stil. Die beiden Sandstein-Friese zogen sich über drei Etagen an dem leicht hervorgerückten Bauteil entlang. Auf diskrete Weise führten sie die vertikale Erkerbetonung des typischen Dresdner Bürgerhauses mit plastischen Reliefs fort.

Der bekannte Architekturkritiker Werner Hegemann schrieb 1930, drei Jahr vor seinem Weg ins Schweizer Exil, über Kühne, er sei ein "Träger der großen Überlieferung der Vorkriegszeit" und fügte ein Zitat von Hans Max Kühne als Grundsatz des Baukünstlers hinzu:
"Die oberste Tugend des Architekten muß Takt sein, Takt in Bezug des Architekten an die Nachbarschaft, Takt in Bezug auf die Einfügung in die Sinnesart des Bauherrn."

Dieses Einfühlungsvermögen in die sensible Situation der Schlossstraße hat Hans Max Kühne durchaus besessen.
Die Bauvorschriften mussten mit der Einhaltung der Traufhöhe eingehalten werden, aber Baubehörde, Architekt und Bauherr kamen überein, dass über die vier Stockwerke noch drei weitere Obergeschosse gebaut werden durften, die aber, weit zurück gesetzt, von der Straße kaum in Erscheinung traten. Allerdings wurde auf den anfangs geforderten Laubengang, der die Fußgänger vor dem Verkehr besser schützen sollte, zugunsten von großen Schaufensterglasflächen verzichtet.

Das Kaufhaus umfasste durch diese geschickte Ausnutzung des Grundstückes 20 000 qm und war damit der größte Kaufhaus-Neubau in der Innenstadt vor 1945. Drei Portale verschafften guten Zugang. Drei Treppenhäuser sowie eine dreigeschossige moderne Rolltreppe verteilten die Käufer und Käuferinnen bis ins oberste sechste Stockwerk. Dort lockte ein lichtdurchflutetes Restaurant mit Freiluftterrasse und herrlichem Blick über die Dächer der Altstadt.

Das Kaufhaus war bereits mit einer hochmodernen Sprinkler-anlage, deren Kessel sich im 2. Tiefgeschoss befanden, ausgestattet. Dazu andere technische Anlagen wie Be- und Entlüftungsanlage, eine Konservierungsanlage für Pelze, die Versandabteilung, das Materiallager und sogar einen Fahrradraum für das Personal. Verschiebbare Fenster sorgten zusätzlich für Frischluft in den Verkaufsetagen.

Wertvolle Materialien sollten gehobene Kauflaune verbreiten: durchweg echtes Parkett, Verkaufstische und Regale aus Eichenholz, teilweise mit Nußbaumeinlagen.
Der Lichthof strahlte angenehm in hellem Stuck und Weißmetall. Lediglich die Erdgeschossstützen waren mit Holz verkleidet.
Im IV. Geschoss lagen die Küche und eine Konditorei und einige Ateliers. Im der V. Etage befanden sich Verwaltungsräume, Büros, Konfektionsateliers, Werkstätten und die Personalkantine. Das letzte, sechste Geschoss wurde mit einem Flachdach gedeckt.

Reklame
Ein schmaler vertikaler Werbeschriftzug mit den Buchstaben ALSBERG zog sich - gut sichtbar vom Altmarkt - entlang der drei Obergeschosse. Darüber hinaus leuchtete am Abend das abgerundete Dach des Eingangsportals in der Schlossstraße mit einer typischen Lichtarchitektur und zog die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich.


Bauteil Wilsdruffer Straße - 1922-23
Die Fassade an der Wilsdruffer Straße war bereits 1923 fertig gestellt worden und besaß ebenfalls eine vertikale Gliederung. Allerdings gab es hier keine Lochfassade, sondern hochgestreckte Fenster, die im 3. OG durch Rundbögen zusammen gehaltenwurden. Von weitem erinnerte die schmale, aufragende Gliederung etwas an Messels berühmtes Kaufhaus Wertheim in Berlin. Auch hier in Dresden luden großzügige Schaufenster im Erdgeschoss zum Betrachten und Kaufen ein.
In den breiteren Zwischenräumen an der Fassade schmückten sechs auf Sockeln stehende Figuren das Gebäude und gaben ihm - neben einem Ornamentfres über den EG - Auflockerung. Sie stammen von Johannes Knubel.


Gotisches Haus Wilsdruffer Straße 2/ Ecke Schlossstraße
Dieses noch aus der gotischen Zeit stammende Gebäude mit gotischem Erker wurde von den Gebrüdern Alsberg als Abrundung des Kaufhaus-Ensembles hinzu erworben und ebenfalls von Max Hans Kühne umgebaut, aber als separater Bau nicht mit in den anderen Kaufhauskomplex einbezogen.

Das Kaufhaus 1933 bis 1945
Wikipedia: "Die Familie Alsberg wurde aufgrund ihrer jüdischen Religionszugehörigkeit von den Nationalsozialisten im Zuge der "Arisierung" enteignet".
Die "Gebr. Alsberg AG", eines der erfolgreichsten Kaufhaus-Unternehmen in der Weimarer Republik, hieß so bis zum 27. Juni 1933. Bereits im September 1933 übernahm eine neu gegründete "Modehaus Möbius GmbH" das Dresdner Kaufhaus Alsberg.

Der Gesellschaftsvertrag zur "Fortführung der bisher von der Kommanditgesellschaft Firma Gebrüder Alsberg in Dresden betriebenen Modehäuser" wurde am 14. September 1933 unterzeichnet. Als Geschäftsführer wurden eingesetzt:
Kaufmann Rudolf Ackermann (Mitglied der NSDAP seit 1930) und
Kaufmann Karl Rudolf Holtsch.

Die Firma Gebrüder Alsberg KG Dresden war Anfang 1933 hochverschuldet. Das lag zum einen an der Wirtschaftskrise 1931/32, den starken Gewinnverlusten, dem eingeschmolzenen Eigenkapital – zum anderen aber auch am Boykott, den die Nationalsozialisten verstärkt auf jüdische Geschäfte ausübten. Bei einer Besprechung am 29.Mai 1933 der Firma Gebr. Alsberg mit der Dresdner Bank führte Dr. Alsberg aus, "dass sich die Verhältnisse der Firma infolge der Boykottbewegung entscheidend verschlechtert haben, der Umsatz um 40% zurückgegangen" ist.
Quelle: Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, 13131 – Deutsche Bank, Filiale Dresden, Akte: 184 (Korrespondenz zur "Überleitung des jüdischen Modehauses Gebr. Alsberg KG Dresden auf die Modehaus Möbius GmbH Dresden")

Die neue Firma Modehaus Möbius GmbH erhielt alles Inventar im Dresdner Kaufhaus Alsberg wie z.B. Warenbestände, Mobiliar, Lastwagen etc. – übernahm aber auch alle Schulden. Diese wurden jedoch mit Druck auf die Gläubiger-Banken erheblich reduziert, in dem die Banken genötigt wurden, ihre Schuld-forderungen in Anteile in der GmbH umzuwandeln.
Im Vertrag hieß es noch: "Der Stammanteil der Firma Gebrüder Alsberg in Dresden an 816 000 RM geht im Betrage von 786 000 RM in arische Hände über."
(Herr Ackermann behauptete im Okt. 1945 vor dem Rat der Stadt Dresden, "diese Geschäftsanteile hat dann die Firma Gebrüder Alsberg an weitere Gläubiger an Zahlungs statt zum Ausgleich ihrer Schulden abgetreten.", also quasi "freiwillig" verzichtet.)
Quelle: Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, 11500- Industrie und Handelskammer Sachsen, Akte: 603 (Modehaus Möbius Nachf., Ackermann & Holtsch KG, Dresden)

Die "Modehaus Möbius GmbH" hatte darüber hinaus 1939 die bis dahin nur gepachtete Warenhausimmobilie Alsberg für 4 Mill. RM erstanden. In einer Aktennotiz vom 13.04.1944 der Commerzbank heißt es zum ehem. Kaufhaus Alsberg in Dresden: "Infolge der politischen Umstellung und der daraus entstandenen finanziellen starken Anspannung wurde das Unternehmen Alsberg von der GmbH übernommen. Die Geschäftshäuser gingen damals nicht mit in den Besitz der GmbH über, sie wurden aber Ende 1939 zum Hypothekenstand für rund 4 Millionen RM in der Zwangsversteigerung erstanden."
Quelle: Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, 13130 – Commerzbank, Filiale Dresden, Akte: 290 (Korrespondenzen mit der Commerzbank Düsseldorf über das Modehaus Möbius GmbH Dresden 1937-1944)

Der Leiter der Alsberg-Kaufhaus AG Dr. Alfred Alsberg wurde 1941 ins Ghetto Lodz deportiert und kam dort im Nov. 1943 ums Leben.

Zwei Fotos von Schaufensterdekorationen des Modehaus Möbius 1939 auf der Dresdner Schlossstraße (Fotocommunity)



Kaufhaus Alsberg von der Wilsdruffer Str. Vergrößerung


Kaufhaus Alsberg von der Schlossstaße Vergrößerung


Eingang Schlossstraße, Vergrößerung


bauplastischer Schmuck im Art-Deco-Stil von Georg Wrba 1930
bauplastischer Schmuck von Georg Wrba im Art Deco-Stil


Dachrestaurant mit Terrasse, Vergrößerung


Lichthof, Vergrößerung


Schnitt und Grundriss vom EG und3. OG, Vergrößerung

 


 

 





Schriftzug über dem Hauptportal an der Schlossstraße in Dresden

 


Das Kaufhaus 1945 bis 1955
Das in stabiler Stahlbetonbauweise errichtete Kaufhaus überstand den Krieg mit Schäden, war aber dennoch wieder aufbaufähig.
10 Jahre lang ließen es die neuen Machthaber stehen mit der Option auf Wiederherstellung, wie etwa das Kaufhaus Knoop in einem Neubau mit einbezogen wurde, rissen es aber dann komplett ab, da es sich nach der Ideologie der damaligen Stadtplaner nicht mit der Neubebauung an der nun Ernst-Thälmannstraße heißenden, breiteren Demonstrations-Magistrale vereinbarte.


Georg Wrba (* 1872 in München; † 1939 in Dresden)
Professor Wrba gehörte zu den bedeutendsten deutschen Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Viele frei aufgestellt Skulpturen finden sich auch in Dresden von ihm. Darüber hinaus setzte er sich auch für die Fortführung bauplastischen Schmuckes an Gebäuden der modernen Zeit ein.
Sein Weg führte ihn über München, über Berlin, wo er 1906 und 1907 Bauplastiken für die Architekten Ludwig Hoffmann und Alfred Messel schuf. Durch einen Ruf der Akademie
für Bildende Künste Dresden zog er 1907 in die sächsische Hauptstadt. In der Zeit der Reformarchitektur gelang es ihm die Ideen des Deutschen Werk-
bundes durchaus mit der Dresdner Bildhauerschule zu verbinden.
Die Künstlervereinigung "Die Zunft", deren Gründungsmitglied er war, plädierte im Sinne eines Gesamtkunstwerkes das Zusammenwirken verschiedener Kunstformen. Inhaltsleere Ornamentik lehnte die Vereinigung als Selbstzweck ab, Malerei und Plastik sollten sich mit der Architektur zu einer Einheit verbinden. Obwohl sich "Die Zunft" 1918 auflöste, versuchte Wrba auch in den Zeiten des Umbruchs zur Moderne diesen Grundsätzen treu zu bleiben. Sein Credo finden wir am Kaufhaus Alsberg verwirklicht.

Text: Thomas Kantschew, 15. Mai 2013

Literatur:

DBZ 1931, S. 67

Werner Hegemann [Vorwort]: "Architekten Lossow & Kühne, Dresden", Berlin, Leipzig, Wien, 1930.

(1) - Nähere Informationen dazu bei:
Matthias Lerm, Abschied vom alten Dresden. Verluste historischer Bausubstanz nach 1945, Leipzig 1993, S.11-13.

Thomas Pöpper (Herausgeber) "Georg Wrba (1872 - 1939). Im Schatten der Moderne", Leipzig 2009.


Kaufhaus Alsberg als Ruine 1952

Schuhhaus Tack
Ein weiterer bemerkenswerter Bau von Hans Max Kühne war das vor 1930 fertig gestellte Schuhhaus Tack - ebenfalls an der Wilsdruffer Straße.

Das schmale Schuhhaus Tack war ein Umbau - "wuchs allerdings während der Bauphase fast ganz zu einem Neubau aus", wie Hegemann 1930 feststellte. Weiter heißt es: "Er steht in einer der alten Geschäftsstraßen, die eine rasche Verwandlung alter Wohnhäuser in Kaufhäuser erleben, ohne daß dabei ein einheitlicher Fassaden-Plan befolgt wird." Der Architekt hole "kühn die schlagendste Wirkung aus der ihm zufallenden Einzelfassade heraus". Die fast völlig verglaste Erdgeschossfassade bot mit einem umlaufenden Schaufenstergang reichlich Präsentationsfläche. Auffällig leuchtete die weiße Putzfassade - sie war im Dachbereich gestaffelt und wurde von einem mehrgeschossigen Glasband in der Formensprache der Moderne gestaltet.
Jan von Havranek schrieb zu diesem Gebäude: "Welche Rolle Arthur Korn als Hausarchitekt der Familie Tack bei diesem Auftrag spielte ist nicht mehr feststellbar."

Jan von Havranek. Das neue Dresden. 1919 - 1949. Architektur Bibliografie, unveröffentlichtes Manuskript 2001