Appartementhochhaus P27 mit Flachtrakt
Dominante am Pirnaischen Platz
 

Architekt
Städtebau:
Peter Sniegon
Architekten: Kollektiv Herbert Löschau, Hans Kriesche, Gerhard Landgraf
Innen-gestaltung: Heinz Zimmermann
Kunst am Bau:   Dieter Graupner 1966/1967
Adresse: Pirnaischer Platz, Grunaer Str. 5
Bauzeit: Planung: Aug. 1963 - Juni 1964
Hochhaus: Nov. 1964 - Sept. 1966
Flachtrakt: März 1966- Jan. 1967
derzeitiger
Besitzer:
  Heftol Group
Creo 7 Dresden GmbH & Co. KG
Umbau:   2017-18 von Stift Entwicklungsgesellschaft
Archecon Architekten

Das Appartementhochhaus mit Flachtrakt (ehem. Restaurantkomplex) bildet den östlichen städtebaulichen Abschluß der Wilsdruffer Str., früher: Ernst-Thälmann-Straße, als der ehem. politisch prägenden Demonstrationsachse quer durch die Altstadt. Es war als point de vue bei den nach Osten marschierenden "Werktätigen" Zielpunkt der 1. Mai-Demonstrationen in der DDR. Auf dem Dach stand für zwei Jahrzehnte der Spruch: "Der Sozialismus siegt".
Bereits in der Bauzeit wurde das markante, den Pirnaischen Platz dominierende Hochhaus politisch aufgeladen.  Zahlreiche Fotografien aus den späten 1960er Jahren zeigen, wie dieses Gebäude propagandistisch eine exponierte Stellung erhalten sollte. Im starken Kontrast stand der Widerwille und die Ablehnung in breiten Kreisen der Dresdner Bevölkerung, die sowohl politisch als auch ästhetisch gegen diesen Bau, der an offiziellen DDR-Feiertagen immer vorbildlich in jeder Wohnung beflaggt werden musste, rebellierte.

Rein sachlich gesehen bietet der 14-geschossige Baukörper 120 Eineinhalb- und 60 Einraumwohnungen mit idealer Besonnung von West- bzw. Ostseite. Von den oberen Stockwerken hat man eine grandiose Sicht auf die Altstadt oder auf die Elbtalhänge bis zur Sächsischen Schweiz. Die Stahlbetonskelett-Bauweise ragte mit ihrer Loggienfassade und verschiedenen architektonischen Besonderheiten aus der genormten Fertigteilproduktion des DDR-Plattenbaus als Sonderbau heraus. Der Bau ist aus einem Elementsortiment einer 8-geschossigen Wohnungsbauserie entwickelt worden.


Städtebaulicher Kreuzungspunkt

Das 48 m hohe Gebäude ist nicht nur ein markanter Abschluss der Ost-West-Magistrale, sondern ebenso städte-baulich heraus gehobener Teil des Nord-Süd-Verkehrszuges, welcher die großzügige Moderne der autogerechten Stadt unter Beweis stellen sollte. Peter Sniegon bezog sich in seiner Konzeption auf die rhythmischen Folge von kubischen Baublöcken von der Carolabrücke bis zum Pirnaischen Platz.
Diese Modernität unterstrich auch die großflächige Reklame an der südlichen Stirnseite, die für ein frühes Computer-System warb.
Allerdings war das Hochhaus erst nachträglich als städte-
bauliche vertikale Dominante zur Ost-West-Magistrale hinzu-
gekommen. Farbfoto ca. 1967. Noch Ende der 1950er Jahre sollte ein Hochhaus direkt am Altmarkt dominieren.

Über die künftige Höhe des Hochhauses wurde im Planungsprozess kontrovers diskutiert. Sniegon schrieb 1968: „ob eine größere Höhe städtebaulich günstiger gewirkt hätte – die Vorbereitung ließ keine Veränderung der Objekte mehr zu“. 14 Geschosse waren nach Ansicht von Sniegon ideal, damit der „Raum Thälmannstraße, wenn man vom Postplatz kommt, gerade in der Höhe der endenden Traufkante der Bebauung Thälmannstraße abgeschlossen und dadurch eine günstige Ruhe im optischen Abschluss erzielt werden wird.“ (DA 04/1968)

Kurt Leucht als „Stadtarchitekt“ von Dresden und Peter Sniegon als Stellvertretender Stadtarchitekt wollten die Dresdner Altstadt von Hochhäusern verschonen, dafür aber eine "Betonung des Stadtzentrums durch Höhendominanten am inneren Tangentenring" erreichen. Zum Stadtzentrum war auch die ehemalige Pirnaische Vorstadt seit 1962 hinzu gezählt worden.



Durch Tunnel und Straßenkreuzung von der Altstadt getrennt

Negativ wirkte sich gerade jene verkehrstechnische Lage an der Nord-Süd-Trasse aus. Die Erreichbarkeit des Gebäudes war durch einen langen Fußgängertunnel (zugeschüttet 2010) nur sehr schwer gegeben. Ebenerdig war das Hochhaus lediglich von Nordosten zu erreichen. Parkplätze waren für Restaurant-Besucher nicht vorhanden.


Restaurants im Flachtrakt

Jenseits der Verkehrstrasse "Leningrader Straße" war der Restaurantkomplex im vorgelagerten Flachtrakt eine kleine urbane Oase städtischen Lebens (insgesamt 408 Sitzplätze). Neben dem HO-Restaurant "Pirnaisches Tor" gab es eine Kaffeeterrasse auf dem Dach, eine Mokkabar und besonders beliebt eine Fischgrillbar, vor der sich stets lange Warte-schlangen bildeten. Dazu kam eine "Selbstbedienungs-kaufhalle" mit 180 m².


Architektonische Besonderheiten

An dem Hochhaus fallen etliche architektonische Besonder-heiten auf: das Flügeldach, das als Sonnendachgeschoss von allen Bewohnern gemeinschaftlich genutzt wurde, die Beton-V-Stützen im Erdgeschoss, durchgehende Loggien, die keramischen Formsteine als Abschirmung zur Hauptstraße (von Dieter Graupner 1966/1967) und bis zu seiner Überformung die Leichtigkeit und Eleganz des Flachtraktes.

Im Vergleich: das Hotel Newa an der Prager Straße, ein ähnlich gelagertes rechteckig-kubisches Hochhaus mit kontrastierenden, vorgelagerten Flachtrakt wird im Gegensatz nicht so stark abgelehnt, wirkt aber als städtebaulicher Abschluss der Prager Straße ähnlich raumbildend.

Die Architektur des Hochhauses am Pirnaischen Platz ist aber deshalb so verhasst, weil sie mit politischer Willkür und Diktatur in Verbindung gebracht wird. Matz Griebel verspottete z.B. 1979 in einem legendären Foto (von Ernst Hirsch) die Arroganz der Machthaber, in der er sich vor diesem Hochhaus mit Frack und Hochrad ablichten ließ. Der postulierte gesellschaftliche Fortschritt geriet immer mehr zur Farce. 1)
Tatsächlich war den SED-Herrschern der provokative Spruch auf dem Dach 1987 so peinlich geworden, dass die rote Leuchtschrift über Nacht (angeblich auf Veranlassung von Bürgermeister Wolfgang Berghofer) demontiert wurde.

Auch nach 1989 wurde das Haus von der Dresdner Bürgerschaft mit Ignoranz und Ablehnung bedacht, zusehens verfiel das Gebäude, während mittlerweile die meisten Gebäude der DDR saniert wurden. Auch der ehemalige Besitzer der Immobilie Segal Group investierte nur das Allernötigste, weil die geplante Sanierung an diversen Streitpunkten scheiterte. Nun wurde das Gebäude verkauft, ein neuer Investor ist in der Planungsphase.



Sanierung

Bis heute gab es kaum richtige Sanierungsmaßnahmen an dem Gebäude. Verunglimpfungen in der Dresdner Tagespresse ("Assihochhaus") führten auch nicht gerade dazu, das Haus aus seiner Lethargie zu führen. Der Brandschutz ist grenzwertig. Teile des Gebäudes, wie die Hälfte des markanten Flügeldaches wurden inzwischen wegen Baufälligkeit abgerissen.

Die "Sanierung" des Flachtraktes 2012 ging mit einer brachialen Verunstaltung der Qualitäten des Gebäudeteils einher. Herausgekommen ist ein hässlicher Billigsneubau mit einem Billigdiscounter als Anbieter. Grund dafür war, das barrierehafte Abgehängtsein des Gebäudes und das Ausbleiben der Kundschaft nach der Wende, aber vor allem das schlechte Images dieses politisch kontaminierten Gebäudes.

Mittlerweile ist der Pirnaische Platz saniert, der Fußgängertunnel zugeschüttet und stattdessen eine gelungene ebenerdige Überquerung des Platzes für Fußgänger und Radfahrer geschaffen worden. Alle Gebäude um den Platz sind saniert, außer das Hochhaus.
 

Anforderungen an Sanierung

Das Appartementhochaus am Pirnaischen Platz sollte in hoher Qualität saniert werden, mit Liebe und Sorgfalt, auch mit architektonischer Kenntnis der Qualitäten der Ostmoderne sollte dieser Bau - ähnlich wie z.B. die Sanierungen der Prager Zeile und Hotel Newa - eine Renaissance erleben, welche sich von den ehemals politischen Verknüpfungen löst und guten + bezahlbaren Wohnraum im Zentrum wieder zur Verfügung stellt. Unabdingbar wäre die Wiederherstellung des Flügeldaches, evtl. auch die ursprüngliche Farbigkeit: Hellgrau (Giebel, Sims), Weiß und Gelb (Loggienverkleidung).


„Dresden Cityloft Apartments“

Eine bevorstehende Sanierung durch die Heftol-Group plant ein Staffelgeschoss auf dem Dach, das mit einem  Schmetterlingsdach Assoziationen zum Original weckt.
Der Flachtrakt bekommt ein zweites, zurückgesetztes Geschoss mit einem überstehenden Dach als Hommage an die Pergola-Idee der ursprünglichen Restaurantterrasse. Metropolenhaft wird wohl ein verglaster Fahrstuhlschacht zur Grunaer Straße hin leuchten. Unangenehm wirken in den Visualisierungen dagegen das morbide Grau der Fassade und die verglasten V-Betonstützen, die den öffentlichen Raum der Durchwegung unverantwortlich einengen. Infos unter:
SZ vom 16.09.2017


Kontroversen

Stadtbild Deutschland fordert Abriss (Info auf Facebook)
http://stadtbildd.de

Ostmoderne fordert Erhaltung und qualitätsvolle Sanierung:
www.facebook.com/ostmodern.org



Hochhaus am Pirnaischen Platz noch vor Fertigstellung des Flachtraktes 1966
1966, Foto: Dt. Fotothek

Vorgelagerter Flachbau mit moderner Eleganz, Foto: 1966, Dt. Fotothek

Fischgrillbar, ca. 1970, Foto: Dt. Fotohek

Selbstbedienungslokal  "HO Gaststätte Gastronom Pirnaisches Tor", 1968, Foto: Dt. Fotohek

Flachtrakt HO-Gaststätte Pirnaisches Tor, Grundriss, In: Architekturführer DDR, Dresden, 1978, Vergrößerung


Grundriss eines Regelgeschosses, Vergrößerung

Die rote Leuchtreklame "Der Sozialismus siegt" wird gerade demontiert, Foto: 1987 TKantschew, Vergrößerung

V-Betonstützen am Hochhaus, Foto: 08/2017 TKantschew

Raster aus Beton- und Milchglasfenstern im Erdgeschoss Ostseite, Foto: 08/2017 TK

Keramik-Schmuck- und Trennwand, Foto: 2017 T.Kantschew, andere Ansicht von Dieter Graupner (1966/1967)










































Zeichnung: Archecon Architekten
Dresden und Hochhäuser

Hochhäuser waren am Pirnaischen Platz bereits in den späten 1920er Jahren geplant. 1931 konzipierte z.B. Hans Richter in einem Auftrag für ein Hochhaus am Pirnaischen Platz Dresden ein Gebäude, "dessen äußere Verkleidung in farbigen Glasplatten zwischen Nirostragerippe gedacht war" (Deutsche Architektur 1958, S.279, "Zum 75. Geburtstag von Hans Richter, Dresden")


mögliche Hochhausstandorte in Dresden, Vorschlag von Adolf Muesmann 1925

Nach 1945 war es weltweit üblich an markanten Großstadt-kreuzungen auch stadtbildprägende Hochhausfigurationen zu errichten. Das Telefunken-Hochhaus am Westberliner Ernst-Reuter-Platz wurde z.B. 1958-60 als Solitär errichtet.
In Moskau entstand zwischen 1963 und 1970 das charakteristische RGW-Gebäude als aufgeklappte Buchform. Dieser Anschluss an eine internationale Moderne war dann auch in Dresden erwünscht. Allerdings schoss man dann mit den Planungen von 1969 weit übers Ziel hinaus. Die Hochhausgruppen, die am Fučíkplatz, Postplatz, Platz der Einheit (Albertplatz) oder am Brückenkopf der Marienbrücke geplant waren, hätten jeden Maßstab zur historisch gewachsenen Stadt gesprengt. Dagegen hat die Hochhausscheibe am Pirnaischen Platz noch eine moderate Höhe und eine kraftvolle plastische Konfiguration. Im Verhältnis zu dem breiten Nord-Süd-Verkehrszug hat das Gebäude eine angemessene Proportion.

Literatur:

Zeitschrift: "Deutsche Architektur" 4/1968

Andreas Ammon und Michael Steinbusch: P27 oder das markante Wohnhochhaus am Pirnaischen Platz. In: Zeitzeugnisse. Architektur und Ingenieurbau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Sachsen. Heft 3. Dresden - Architektur der Nachkriegsmoderne. Dresden 2006

1) Das Foto von Ernst Hirsch entstand während eines Drehs zu einem Werbefilm für die Dresdner Verkerhsbetriebe.


















Gedachtes Pendant zum Hochhaus Pirnaischer Platz: Hochhaus am Postplatz (Modell 1969)
 

Hochhaus Zustand August 2017, Foto: TK, Vergrößerung