Altstadtsanierung Dresden 1935 - 1938
Gravierende Veränderungen der historischen Stadt:
  das Alte und das Neue
 

Leitung:    Stadtplanungs- und Hochbauamt unter Paul Wolf
Bauzeit: _193
5- 1938
Adresse:
. Salzgasse / Große Frohngasse


Der Dresdner Stadtbaurat Paul Wolf, seit 1923 als Chefstadt-planer und Nachfolger Hans Erlweins im Amt, wusste um die drängenden Probleme des dicht besiedelten Dresdner Stadt- zentrums. Obwohl in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bereits viele Bauten aus der Barock- und Renaissancezeit neuen Bankpalästen, Post-, Gerichts- gebäuden, dem neuen Rathaus uvm. weichen mussten, lebten in den verbliebenen Bürgerhäusern des historischen Stadtkerns und den angrenzenden Vororten immer noch Tausende in inzwischen z.T. unwürdigen Verhältnissen. Nein, ganz im Gegenteil einer heutigen Annahme, Dresden wäre vorwiegend eine Stadt mit offener, lockerer Bebauung gewesen, bestand die Großstadt Dresden im Zentrum vor allem aus hochverdichteten Quartieren. Der sanitäre Notstand in diesen schlecht durchlüfteten Vierteln mit Behausungen, die oft als "Elendswohnungen" bezeichnet wurden, war groß. Durch Wirtschaftskrise und Inflation der 1920er Jahre konnten nur sehr wenige private Hausbesitzer, ihre Immobilien den Erfordernissen einer Sanierung nach neuesten hygienischen Standards instand setzen.

Die Gegenüberstellung alte Stadt – schlecht, dunkel, baufällig, unpraktisch wurde all zu gern mit dargelegten Merkmalen einer neuen Stadt, die hell, sauber, gut durchlüftet und gut organisiert sei, propagandistisch verwendet.

Gerade in Dresden, wo die Sehnsucht nach Erhaltung der alten Stadt groß war, wurden die Umgestaltungen geschickt medial inszeniert, um die Akzeptanz des Verlustes von alter Bausubstanz zu erhöhen.

Ordnung, Sauberkeit und Kontrolle

Die Altstadt-Sanierungen deutscher Städte waren durchaus schon Programm der Weimarer Republik. Während der Internationalen Hygiene Ausstellung 1930 in Dresden veröffentlichte z.B. Paul Wolf einen Artikel zur Sanierung der Altstädte durch Straßendurchbrüche, Durchlüftung und Entkernung von Blockinnenhöfen.
Tatsächlich nahm die Stadtverwaltung sich aber erst nach 1933 der vernachlässigten Quartiere an, die man in der Sprache des dritten Reiches als „Schandflecke“ diffamierte. Sie wurden auch als "gesundungsbedürftige" Gebiete bezeichnet.
In vielen Fällen waren es dabei auch keine „Sanierungen“, sondern komplette Entkernungen ganzer Stadtteile mit nachfolgender Neubebauung samt geradlinig neuer, breiterer Straßen. Neben gesundheitshygienischen Fragen ging es aber den Stadtplanern duchaus auch darum, mißliebige Personen- gruppen aus dem Stadtzentrum zu verdrängen und durch im Sinne der NS-Ideologie politisch korrekte Milieus zu ersetzen. Verheerende soziale Missstände
sollten auf diese Weise beseitigt werden, auch um dem Protestpotential aus Arbeiterkreisen in der Wohnungsfrage die Speerspitze zu nehmen. Darüber hinaus gab es Ziele, wie: Aufwertung der städtischen Kerne, Aufträge an das mittelständische Handwerk oder höhere Bodenrentabilität.
Der rigide Abbruch historischer Stadtviertel gelang in der NS-Zeit durch Druck auf Hausbesitzer und städtischer Entschädigung, wurde aber auch durch ein staatliches Altstadtsanierungs-Programm gefördert. In Dresden wusste der NS-Oberbürgermeister Ernst Zörner geschickt Subventions-programme des Reichs für die Modernisierung der Altstädte zu nutzen.

Im Folgenden zwei Beispiele Dresdner Stadtsanierungsprojekte, die tatsächlich realisiert wurden:


Sanierungsgebiet Große Frohngasse



Entwurf zu einem 9-stöckigen Hochhaus in Dresden zwischen Kreuzstraße und Gr. Frohngasse von Ludwig Wirth u. Mittmann ca 1928, hier Ansicht: Gr. Frohngasse, Grundrisse u. andere Ansichten www.ilab.org

In den späten Zwanziger Jahren gab es bereits Pläne zur entschlossenen Umgestaltung dieser Straße. Ludwig Wirth z.B. schlug 1928 ein massives Hochhaus als blockfüllende Masse bis zur Kreuzstraße vor.
1930 begann das Dresdner Stadtbauamt unter Paul Wolf mit der Umgestaltung der Großen Frohngasse - direkt an der Ecke zum Altmarkt. Dort baute die Kaufhaus-Kette De-Fa-Ka ein modernes Großstadtkaufhaus, welches sich tief in die Seitenstraße hineinzog.
1935 sah es in der Gasse etwa so aus, wie ein Aquarell von Jaroslav-Opl zeigt. Die niedrigen, meist zwei- bis vierstöckigen Gebäude wurden 1936 abgetragen. Dafür errichtete man fünfstöckige Häuserblöcke mit einfacher Putzfassade und Kastenerkern in Formen der neuen Tradition, wie sie um diese Zeit üblich waren. Die Wohnblöcke sollten ein gewisses Altstadtflair ausstrahlen, aber dennoch modern und hell sein - ohne dunkle Hinterhöfe. Kleinteiligkeit, wie sie 1935 z.B. im Kölner Martinsviertel in den Neubauten konzipiert worden war, strebte das Dresdner Stadtplanungsamt durch die neuen Großblockstrukturen nicht an.
Für Urbanität sorgten in der Frohngasse Ladengeschäfte mit großen Schaufenstern.
Einiger Wert wurde auf Verwendung von handwerklicher Kunst am Bau gelegt, die in Form von Sandsteinrelief-Platten von Kurt Dämmig mit Darstellungen origineller Dresdner Volkstypen die Fassade auflockerte.

Nach Fertigstellung wurde 1937 die Bezeichnung Große Frohngasse fallen gelassen und mit Marktstraße ersetzt, der alte Name erinnerte zu sehr an ein schlecht beleumundetes Gebiet innerhalb der Altstadt. In der ehemals hier ansässigen Frohnfeste war u.a. das Stadtgefängnis (Büttelei, Stockhaus) untergebracht.


Große und Kleine Frohngasse, Ruinen der Wohnbebauung 1936, in der Bildmitte König-Johann-Straße (jetzt Wilsdruffer), Foto: SLUB 1945

Ersatzbau Marktstraße (ehemals Kleine und Große Frohngasse) 1935-37 vom Hochbauamt der Stadt Dresden errichtet. Foto: Adressbuch Dresden 1938 / Band 1

Große und Kleine Frohngasse, Graphit von Curt Winkler 1936, aus: Dresden. Das Namensbuch der Straßen und Plätze im 26 Ring, 1993

Große und Kleine Frohngasse, Graphit von Curt Winkler 1936, Häuser kurz vor dem Abbruch


Abbruch der Hofseite des früheren Rutowsky-Palais in der Großen Frohngasse im Jahr 1936, In: Adressbuch Dresden 1937, Vergröß.


Kaufhaus De-Fa-Ka am Altmarkt, Ecke Große Frohngasse 1930



Stadtgrundriss: grün: bestehende Bebauung, grau: Grundstücksparzellen 19. Jh.
Quelle: www.archaeologie.sachsen.de (pdf) 2008. Unterschiede der alten Frohngasse und der neuen breiteren Marktstraße kann man gut erkennen, wenn man diesen Plan detailliert vergleicht mit der Situation vor der Umgestaltung - z.B. in einem Stadtplan von 1882.



Stadtplan 1882, östlich vom Altmarkt, ein enges Gassennetz durchzieht die Altstadt. 1) Große Frohngasse, 2) Kleine
Frohngasse, 3) Weiße Gasse, 4) Große Kirchgasse / Bereits die Anlage der König-Johann-Straße 1885 war eine
erste Modernisierung in Richtung funktionierender Großstadt.

www.deutschefotothek.de - Blick über Kreuzkirche und Neues Rathaus gegen Pirnaische Vorstadt
1925, in der Vergrößerung kann man gut den Verlauf der Großen Frohngasse erkennen.

Tipp: Dokumentarfilm "Abriß alter Häuser im Dresdner Stadtzentrum"
Gebiet der Kleinen und Großen Frohngasse) Dresden-Altstadt, 1936 SLUB/ Deutsche Fotothek

Dokument: Ausgrabungen 1955 Große Frohngasse/ Marktstraße
Hier kann man in der Vergrößerung sehr gut erkennen, wie die Straße 1937 verbreitert und begradigt
wurde.

Bereits 1885 wurde mit dem "Durchbruchprojekt" König-Johann-Straße vom Altmarkt zum Pirnaischen Platz auch an eine Verbreiterung der Kleinen Frohngasse und der Weiße Gasse gedacht. Die Konzeption wurde jedoch nur in den neuen breiten Einmündungen zu den zwei Binnenquartiersstraßen umgesetzt. Foto: 1910



Gebiet Salzgasse

Auch das dicht verschachtelte Quartier um die Rampische Straße & Salzgasse war unter modernen hygienischen Kriterien für Bewohner kaum noch zumutbar. Paul Wolf konstatierte in einem Artikel der DBZ 12/1938 die Baufälligkeit und den Leerstand des Wohngebietes, der zu einem Quartier sozialer Randgruppen geworden sei. Auch die Dresdner Lokalpresse versuchte Altes und Neues gegeneinander auszuspielen:


Dresdner Neueste Nachrichten vom 27.März 1936

Der Artikel mit dem propagandistisch gemeinten Schiller-Zitat aus "Wilhelm Tell" (IV,2) stellt der niedrigen schiefwinkligen, alten Bebauung aus der Renaissance-Zeit eine helle, bürgerhausähnliche Wohnbebauung mit Erker entgegen. Tatsächlich waren viele historische Gebäude der Innenstadt während des 19. Jahrhunderts, als das reiche Bürgertum in die grünen Villenvororte Dresdens zog, kaum modernisiert worden. So stach die Baufälligkeit besonders ins Auge. Der zweite Blick signalisiert, der neue Baublock passt sich den Nachbar- gebäuden in Höhe und Dachform an, während er insgesamt kaum kleinteilig zu nennen ist:


Neubauten 1934-36 (blau markiert) in einer Luftaufnahme von
1944.
Foto: Deutsche Fotothek / SLUB

Die Dachlandschaft wurde in diesem Fall hier nicht mit
individuellen Parzellendächern ausgebildet, sondern zieht sich
über die gesamte Länge des Blockes. Allerdings ist die Haus-
fassade mit drei gliedernden Erkern und plastischen Schmuck unterschiedlich gestaltet worden. Sämtliche Hinterhofgebäude wurden bis an die Brandwände der Nachbargrundstücke abgerissen. Dieser massive Eingriff in die reale heterogene Bausubstanz stellt eine Konstruktion von "Altstadt" dar. Idealbilder von Einheitlichkeit, Fassadenoptik und "Dresdner Flair" wurden mit modernen stadthygienischen Erfordernissen verbunden.


Foto: Salzgasse vor dem Abbruch der "störenden" Altstadtbebauung, In: Adressbuch Dresden 1937. Der Kopfbau der Ramp. Gasse sollte frei gestellt werden.

Wolf wehrte sich aber auch dagegen, "eklektische, romantische Stimmungsbilder hervorzuzaubern (..), die im günstigsten Fall einen Theatereffekt hervorbringen werden". Wichtig sei, wenn "das Alte schon einmal durch die rasche, pulsierende Entwicklung unserer Zeit überlebt u. unbrauchbar geworden", vor allem, "klare u. gesundheitlich einwandfreie Verhältnisse zu schaffen".
(P.Wolf, Das Formenproblem der Stadt, 1919)

Das Hochbauamt errichtete Zwei- und Dreiraum-Wohnungen mit Küche und WC. Besonders die Wasserspülung in der Toilette stellte gegenüber dem Trocken-Abort einen hygienischen Fortschritt dar. Auf Balkone zur Südseite in den Hof wurde verzichtet.

Stadtbaurat Paul Wolfs Umbaupläne für dieses Gebiet sahen auch den Abriss der Bürgerhäuser Rampische Straße 19-23 vor, die jedoch durch Insistieren der Dresdner Denkmalpflege nicht umgesetzt werden konnten. Darüber hinaus sollten fast alle engen Hinterhöfe in diesem Quartier abgerissen werden.
An der Salzgasse gab er Erweiterungspläne für einen 2. Bauabschnitt. Vgl. Foto nach 1936
Quelle: Sanierungsplan Salzgasse 1933/1935 (Lageplan), im Stadtplanungsamt der Stadt Dresden, Bildstelle / Dia 1385)

In einem Modellfoto von 1936 erkennt man Pläne zur Entkernung des heute als Quartier III bezeichneten Areals am Neumarkt mit anschließender sehr lockerer Quartiersinnenhofbebauung. Link zum Bundesarchiv (Bild-P065145)
Die Zustände in den z.T. extrem kleinen Hinterhöfen schienen nicht mehr sanierungsfähig. Lediglich die repräsentativen Bürgerhäuser direkt am Neumarkt wurden 1936 im Rahmen einer Propagandamaßnahme restauriert.

Tendenziell verschwand aber das Malerische zugunsten entnostalgisierter Modernisierung. Schaut man die Pläne Paul Wolfs für die damalige Innenstadtplanung 1939 an, ahnt man, wie viel alte Bausubstanz noch zur Disposition stand. Besonders die eng bebauten Quartiershöfe, ehemals Gärten, sollten entkernt werden. Die reale Bausubstanz des historischen Dresdens wäre jedoch, von einigen herausragenden Baudenkmälern und touristisch besonders relevanten Straßenzügen abgesehen, nach und nach durch innerstädtische Neubaublöcke und breitere Straßen ersetzt worden. Vor allem an den neu konzipierten Hauptstraßen, die eine rigide moderne Infrastruktur durch die alten Vorstädte gezogen hätte, wäre historische Bausubstanz unweigerlich zum Abbruch gekommen. Vgl. Plan 1938

Die Vermarktung Dresdens als Barockstadt für den "Fremdenverkehr", wie es damals hieß, wurde allerdings bewusst inszeniert. Neben Zwinger (bis 1934) - und Frauenkirchensanierung (1938-43) stellte man Gebäude von berühmten Barock-
Baumeistern heraus, wie z.B. das Wohnhaus Pöppelmanns in der Schloßstraße 32, an deren Fassade 1936 eine überlebensgroße Sandsteinfigur des berühmten Zwinger-Architekten angebracht wurde. Dagegen wurde im Dez. 1936 der Name Jüdenhof aufgehoben, die Fläche ebenfalls als Neumarkt bezeichnet.


Fischhofplatz

Zum Beispiel: auch für das Gebiet um den Fischhofplatz / Nähe Freiberger Platz sahen Wolf's Pläne einschneidende Modernisierungen vor. Der Fischhofplatz wäre ca. um das dreifache erweitert worden und hätte dann eine rechteckige Form ergeben. Sogar ein neunstöckiges Hochhaus (mit einem Arkadengang) war geplant. Alle historischen Gebäude wären abgerissen worden. Der Platz wurde etwas nördlicher komplett auf neuem Straßengrundriss konzipiert.
Neben der verfallenen Vorstadtbebauung war die Prostitution ein Dorn im Auge: in der Fischhofgasse gab es ein frequentiertes Rotlichtviertel. Zudem waren große Teile der Gegend traditionell Viertel der starken sozialdemokratischen Dresdner Arbeiter-bewegung.
In der am Fischhofplatz gelegenen Centralhalle hatte z.B. die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands 1871 Tagungen ihres II. Kongresses abgehalten. Auch das ein Grund für die NS-Planer, den Platz überformen zu wollen, obwohl er als Dorfplatz eines Fischerdorfes zu den ältesten Plätzen Dresdens gehörte (seit ca. 1480). Die noch vorhandene unregelmäßige mittelalterliche Parzellenstruktur passte jedoch nicht zur Stilisierung Dresdens als "Barockstadt".
Paul Wolf betonte in einem Artikel zur "gesunden Stadt" schon 1931: "Neben den Forderungen der Hygiene und der baupolizei-lichen Sicherheit sind es aber auch Forderungen des Verkehrs und der Wirtschaft, die zur Beseitigung alter Wohnviertel zwingen." (1) Veröffentlicht wurde auch das Foto der damaligen Stadtmodells mit dem "geplanten Sanierungsdurchbruch".


Dresden Wilsdruffer Vorstadt, Fischhofgasse, Postkarte um 1910 aus der Serie: "Alt-Dresden"


Fischhofplatz nördlich der Annenstraße in einem Plan von 1882. 1936 hatte sich die enge Bebauung mancherorten noch weiter verdichtet, so dass z.T. unzumutbare Lebensbedingungen entstanden waren.


"Neugestaltung der Dresdner Innenstadt" - 7.Juli 1938

Im Zuge der völligen Neugestaltung des Stadtzentrums ergriff Paul Wolf die Gelegenheit, die missliebige Wilsdruffer Vorstadt im großen Zuge abzureißen und das gesamte Viertel zwischen Wettiner Platz und Annenkirche rigoros neu bauen zu lassen. Der Plan sah eine Reihe "Straßendurchbrüche in Verbindung mit Promenaden" vor. Besonders eine breite Verbindung vom Hauptbahnhof über einen erweiterten Dippoldiswalder Platz zu einem neuen kantigen Platz, der die Schweriner Straße geschnitten hätte, war nun als Höhepunkt dieses Quartiers vorgesehen. Auch dieser Plan wurde bereits Ende 1938 wieder verändert, da die Anschlüsse zur Autobahn neu hinzugefügt werden mussten. Mit dem Beginn des II. Weltkrieges 1939 kamen die Umgestaltungspläne bald zum Erliegen.

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Kurzer Vergleich zu einem Gebäude in Leipzig am Johannisplatz, welches 1937 errichtet wurde und das ebenfalls historische Vorstadtbebauung aus dem 18. und 19. Jahrhundert ersetzte. (Wandbemalungen: 1,2) Das großstädtisch anmutende Wohnhaus mit Arkaden-Geschäften im EG und bollwerkhafter Sockelzone will sich bewusst kraftvoll an der exponierten Ecklage gegenüber dem Grassi-Museum in Szene setzen.
Foto: TK 2011

Bemerkenswert ist, dass der Dresdner Stadtbaurat Paul Wolf bereits 1930 in einem Artikel zu Altstadtsanierungen über eine Notwendigkeit von "Abwehrmaßnahmen .. bei Luftangriffen .. in Altstädten" schreibt: "Eisen- und Eisenbetonbauweise, vor allem aber die Skelettbauweise erscheint besonders geeignet, den durch Explosionen hervorgerufenen plötzlichen Luftstößen zu widerstehen." (2) Neubauten an "Durchbruchstraßen" in den Altstädten sollten diese stabile Bauweise erhalten.

Die rigide Politik der "Altstadtsanierungen" im Dritten Reich wurde in der fachlichen Beurteilung durchaus nicht homogen eingeschätzt. Im Artikel "Zur Frage der Altstadtsanierungen" von Henryk Jasieński (Krakau) äußerte der polnische Autor Kritik an den geplanten Abbrüchen innerstädtischer, z.T. wertvoller Bausubstanz. Durch die höhere Neubebauung gelange in die Blockhöfe statt mehr Licht weniger Sonne und es ergebe sich eine "Verschlechterung der bisherigen Belichtungs- und Besonnungsbedingungen".
Der Grund für die Elendsquartiere und Slums läge in der langen Verwahrlosung seitens der Vermieter, der rücksichtslosen Überbauung der ehemals offenen Höfe und vor allem in der Überbelegung der Wohnungen, in denen sich oft mehrere Familien eine kleine Wohnung teilten. Würden die Altbauten abgerissen und durch Neubauten ersetzt, kämen diese Armen in Barackensiedlungen an den Stadtrand oder in Obdachlosenheime. Sein Fazit, dass: "Vernichtung solcher Häuser nur in sehr wenigen Ausnahmefällen gerechtfertigt sein kann. (...) ihr Abbruch sozial und wirtschaftlich eine Verschwendung und schädlicher Unsinn ist. " (3)

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Quellen:

(1) Paul Wolf: Die gesunde Stadt. Unter Berüksichtigung der Ergebnisse der Internationalen Hygiene Ausstellung Dresden 1930/ 1931. In: DBZ 1931, S.116

(2) Paul Wolf: Die Sanierung von Altstädten. Notwendigkeit ihrer Förderung durch Mittel der Hauszinssteuer, in: DBZ, 64. Jg.,
8. Febr. 1930, ST Nr. 2

(3) Henryk Jasieński, Zur Frage der Altstadtsanierungen, in:
"Die Wohnung" 2/1936

Bundesarchiv
in Koblenz
(Akten des Rechnungshofes zu Altstadtsanierungen in verschiedenen Städten des ehem. Deutschen Reiches während der NS-Zeit)



Literatur:

Petz, Ursula von, Stadtsanierung im Dritten Reich, 1933 - 1945, dargestellt an Fallbeispielen, Univ. Dortmund (Hrsg.), Dortmund 1984

Vinken, Gerhard: Zone Heimat. Altstadt im modernen Städtebau. München 2010. (
Rezension: Alexandra Klei
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de
)

 



Häuser an der Salzgasse vor dem Abbruch, Foto: Hans Schönbach




Hölzerne Treppe und Dach zum Innenhof eines der Abbruchhäuser an der Salzgasse vor 1936, Foto: Atelier H. Heymann, Dresden,

Verschachtelte, enge Hinterhöfe, blau markiert: Neubau 1936, Foto: SLUB



Neubauten Salzgasse 1936, Foto: Adressbuch Dresden 1937, Vergröß.


Fertig gestellte Figur Pöppelmann für die Hausfassade Schloßstraße 32, heroisiert auf Überlebensgröße, 1936 im Gartenatelier des Künstlers, Foto: SLUB

 


Otto Westphal "Am Fischhofplatz", Farblitographie um 1908


Planung Fischhofplatz 1937 von Paul Wolf, nicht ausgeführt, Vergröß. Arkaden sollten als traditionalistisches Mittel eine Verbindung zur Vergangenheit signalisieren und zugleich Fußgänger das Passieren an verkehrsreichen Straßen ermöglichen.


"Geplanter Sanierungsdurchbruch in Dresden-Altstadt", in: DBZ 1931, zu sehen ist im Vordergrund die Annenkirche, in der Bildmitte: neuer Platz mit Hochhaus, Vergrößerung


"Neugestaltung der Dresdner Innenstadt" - 7.Juli 1938, Stadtbaurat: Paul Wolf, Vergrößerung - In: DBZ 42/1938


Berlin, 26.08.2011