Ein Hochhaus für Dresdens Kreative
The building is standing empty since 1996.

Das Hochhaus am Dresdner Albertplatz ist auch ein denkmalgeschützter Bau. Es steht seit 1996 leer und ist durch Nichtnutzung dem Verfall preisgegeben. Dieser kraftvolle, stabile Stahlskelettbau wurde 1929 von Hermann Paulick geschaffen und gilt als erster Hochhausbau der Stadt. 1945 überstand es dank seiner stabilen Bauweise den Bombenangriffen. Mit seinen 11 Stockwerken stieß es anfangs, laut www.dresden-neustadt.de, auf "energischen Widerspruch in der Dresdner Bevölkerung, die damit ihre Stadtsilhouette verschandelt sah". Bauherr war die Sächsische Staatsbank, nach dem Zweiten Weltkrieg fanden die Dresdner Verkehrsbetriebe hier ihr Domizil. Diese zogen 1997 aus, seitdem steht der Bau leer.

Leerstand = Stillstand

Was liegt also näher, als einem (noch) intakten, leeren Haus neue Nutzer zu verschaffen. Es ist ist allgemein bekannt, dass ein Haus durch Leerstand nicht besser wird. Feuchtigkeit und Demolierung können auch soliden Stahlbeton sehr zusetzen. Warum dieses markante, funktionale Bürohochhaus nicht Dresdner Architekten, der Multimedia- und Kunstszene anbieten?

Wir sollten weg von starren, unbeweglichen, perfekten Lösungen - hin zu mobilen Zwischennutzungen von Stadtbrachen und leerstehender Bausubstanz für die Bürger der Stadt!

Eigentümer DVB

Das Haus gehört den Dresdner Verkehrsbetrieben DVB, die keinen Investor oder Mieter für das heruntergekommene Bauwerk findet. Im Gespräch war, dass das Ortsamt Neustadt hier einzieht, aber die Verhandlungen scheiterten, das Ortsamt zog in das "Atrium am Rosengarten". Mit 3 Millionen rechnet der Vorstand beim Verkauf des Gebäudes. Doch es will sich kein neuer Bauherr für das denkmal- geschützte Haus finden. Um das Gebäude zu retten müssen Alternativen gefunden werden.
Da der Wert dieser Immobilie angesichts eines hochgesättigten Büromarktes in Dresden und an einem der verkehrsreichsten Plätze der Stadt gelegen mittlerweile ziemlich gering sein dürfte, läge der Mietpreis sicher in einem finanzierbaren Bereich.

Eine Möglichkeit wäre Mieten, eine andere Kaufen und dann mit einer einfachen Sanierung wieder instandsetzen. Freilich unter geringen städtischen Zuschüssen der Städtebaufördermittel zur Stadterneuerung. Das meiste müsste aus "Eigenmitteln" einfließen, vielleicht durch eine neu zu gründende Stiftung "Alberthochhaus" (oder wie auch immer genannt). In Eigenregie sollte es möglich sein, verfallene Altbausubstanz zum Nutzen für bestimmte Interessenten, einschließlich eines öffentlichen Bereiches herzurichten. Natürlich sollten gewisse Auflagen der Denkmalpflege beachtet werden. Doch sollte man auch nicht zu streng damit umgehen, um das Gebäude zu retten. Möglich wäre die niedrigeren Wohntrakte mit den dunklen Nordbalkonen abzureißen um dem Hochhaus so mehr eigenständige Kraft zu verleihen. Ein geschwungener, moderener Flachtrakt könnte dem Gebäude einen frischen Touch geben.

Das könnte mittels einer eigenen schonenden, preiswerten Sanierung geschehen, die das Gebäude erhält und vor weiteren Verfall schützt. Fördergelder gibt es sicher. Man könnte die Stiftung Denkmalschutz ansprechen. Auch bestimmte Fördertöpfe für nachhaltige europäische Regionalentwicklung könnten helfen.

Berlin hat's vorgemacht:

Erstes Beispiel:
Da war zuerst Anfang der 90er Jahre die Instandbesetzung der leerstehenden Kaufhausruine an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte. Bald fand sich ein Name der durch unterschiedlichste Künstler genutzten Hausruine - Tacheles. Diese spontane, engagierte Initiative hat in den 90er Jahren wie eine Sogwirkung auf die Spandauer Vorstadt gewirkt. Zahlreiche Galerien folgten den Künstlern in die hippe- trendy Gegend. Mittlerweile ist der bizarre Bau saniert und als Institution eine feste Größe im Berliner Kulturleben.

Zweites Beispiel:
Das herunter gekommene Haus des Lehrers am Alexanderplatz stellte der Berliner Senat Mitte der 90er jungen Kreativen zur Verfügung. Jede Menge Subkultur, Laiengruppen und schöpferische wilde Medienkünstler konnten sich hier bei kleiner Miete austoben. Nun hat ein Investor den Hype dieses Gebäudes erkannt, es gekauft und chic saniert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Drittes Beispiel:
Prenzlauer Berg - Oderbergstraße. Eine Anwohnerinitiative hat das seit Anfang der 90er Jahre leerstehende Stadtbad von Ludwig Hoffmann (1899 - 1902) übernommen und wird es - in einer Kombination aus Eigenmitteln, Krediten, Förder- und Europäische Gelder - demnächst wieder als Schwimmbad mit großem Wellnessbereich sanieren. Es gründete sich eine rechtskräftige "Genossenschaft Stadtbad Oderberger Straße e.G." www.stadtbad-oderberger.de

Aber auch in Dresden gibt es schon ähnliche Ansätze des bürgerschaftlichen Engagements: Stichwort: Deutsche Werkstätten Hellerau. Auch hier haben Architekten, Künstler, Designer und Bühnenbilder eine Gemeinschaft gebildet und die denkmalgeschützte Firma übernommen.


Eine Immobilie mit Weitblick
Nun - der Hochhausbau am Dresdner Albertplatz war sicher in seiner Zeit umstritten. Kantig, selbstbewusst, mit hellem einfachen Putz ragte das klare Hochhaus wie ein Fanal für eine neue Zeit aus dem gründerzeitlichen eklektizistischen Stilwirrwarr der angrenzenden wilhelminischen Wohnbauten heraus. Konservative Kreise reagierten mit Empörung.
Aber auch dieser Turmbau war ein architektonischer Aufbruch für Dresden, genauso wie das Hygienemuseum von Wilhelm Kreis oder das Tessenow- Festspielhaus in Hellerau. Jene Gebäude standen am Beginn einer aufkeimenden Moderne, die neue architektonische Wege in einer Umbruchzeit suchte. Dass diese Moderne hoffnungsvoll begann und in den hässlichen Plattenbauten der langen Nachkriegsjahrzehnte dann ihren pathetischen Glanz verlor, ist nicht diesen kühnen Erbauern anzurechnen.

Auch heute dominiert dieser von schöner Klarheit geprägte Bau den Albertplatz. Er steht gerade am Ende der Achse Hauptstraße- Schlossstrasse- Altmarkt- Pragerstraße, sozusagen als Point de View. Auch wenn in der Heterogenität des kreisrunden Albertplatzes das Paulicksche Hochhaus in einer gewissen unentschlossenen Verschlafenheit verharrt ist diese vertikale Stadtdominante am Tor eines der lebendigsten Innenstadtbezirke ein großes Potential, welches nicht als Platzhalter für Dresdenwerbung missbraucht, sondern endlich einer naheliegenden Nutzung zugeführt werden sollte.
Nicht zu vergessen: In den oberen Etagen dieses selbstbewußten Gebäudes hat man einen überwältigenden Ausblick auf die Dresdner Altstadt bzw. auf die grünen Hänge des Dresdner Nordens. Ausblicke für neue inspirierende Visionen, wie die Stadt Dresden attraktiver und lebendiger von ihren BürgerInnen genutzt werden kann.


Gerade die Vielfalt ist Dresdens Kapital.
Sie spiegelt sich genau an diesem Platz ab: das gemütliche Biedermeier, die Ästhetik vom Gesamtkunstwerk im Jugendstil um 1900 (Platzgartengestaltung und Brunnen), die prunksüchtigen Gründerzeitbauten (Eschebachvilla), die baulichen Hinterlassenschaften des DDR-Plattenbaus und eben jener Aufbruch Dresdens zur Großstadt in den Zwanziger Jahren durch das Hochhaus. Aber man sollte diese Stilbreite nicht als häßliche Unordnung begreifen, sondern als Bereicherung. Genau das macht die Dresdner Mischung aus, die Offenheit der Stadt, ihre Kraft für Neues, ihre tolerante Buntheit von Lebensstilen und Ansichten.
Man sollte auch die Brache des ehemaligen Alberttheaters, die jetzt als Parkplatz dient, offen halten für einen zukunftsweisenden neuen Bau, der die Offenheit des Albertplatzes unterstreicht.


Strahlende Stadtkrone einer Stadt, die mehr zu bieten hat als Barock
Abends könnte das Hochhaus wie 2002 das Berliner Haus des Lehrers am Alex mit elektronischen Zeichen in den dunklen Fenstern eine knallige ausgeschlafene Videoinstallation erhalten, die schon von weiten auf das wache kreative, zukunftsorientierte Potential der jungen Neustadt hinweist und dem etwas arrivierten Geschichtsbewusstsein der Altstadt etwas dynamisch Heutiges dagegensetzt. Ein weitsichtbares Signal also, dass Dresden eine moderne, pulsierende Großstadt ist und neben Traditions-Akzentuierungen auch Innovativ Progressives europaweit ausstrahlt.

Thomas Kantschew
November 2003